Gedichte Sehnsucht


Gedichte - Sehnsucht

Sammlung an Gedichten mit Bezug zur Sehnsucht für Leserunden und Gedächtniseinheiten.

 


Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh' ich ans Firmament
Nach jener Seite.
Ach! Der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide
Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Ich [Schmetterling] belausch' ein zärtlich Paar;
Von des schönen Mädchens Haupte
Aus den Kränzen schau' ich nieder;
Alles, was der Tod mir raubte,
Seh ich hier im Bilde wieder,
Bin so glücklich, wie ich war.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis
und träumte von Liebe und Freude.
Es war an dem Stadtwall und schneeweiß
glänzten die Stadtwallgebäude.
Der Seufzer dacht an ein Maidelein
und blieb erglühend stehen.
Da schmolz die Eisbahn unter ihm ein -
und er sank und ward nie mehr gesehen.

Christian Morgenstern

 

 

Leise Lieder singe ich dir bei Nacht,
Lieder, die kein sterblich Ohr vernimmt,
noch ein Stern, der etwa spähend wacht,
noch der Mond, der still im Äther schwimmt;

denen niemand als das eigne Herz,
das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht;
und an denen niemand als der Schmerz,
der sie zeugt, sich kummervoll berauscht.

Leise Lieder singe ich dir bei Nacht,
dir, in dessen Aug mein Sinn versank,
und aus dessen tiefem, dunklen Schacht,
meine Seele ewige Sehnsucht trank.

Christian Morgenstern

 

 

 

Neuer Frühling

Sterne mit den goldnen Füßchen
Wandeln droben bang und sacht,
Daß sie nicht die Erde wecken,
Die da schläft im Schoß der Nacht.

Horchend stehn die stummen Wälder,
Jedes Blatt ein grünes Ohr!
Und der Berg, wie träumend streckt er
Seinen Schattenarm hervor.

Doch was rief dort? In mein Herze
Dringt der Töne Widerhall.
War es der Geliebten Stimme,
Oder nur die Nachtigall?

Heinrich Heine

 

 

 

Mit deinen blauen Augen
Siehst du mich lieblich an,
Da wird mir träumend zu Sinne,
Daß ich nicht sprechen kann.

An deine blauen Augen
Gedenk ich allerwärts;
Ein Meer von blauen Gedanken
Ergießt sich über mein Herz.

Heinrich Heine

 

 

 

Das ist mein Streit:
Sehnsuchtgeweiht durch alle Tage schweifen.
Dann, stark und breit, mit tausend Wurzelstreifen
tief in's Leben greifen
und durch das Leid weit aus dem Leben reifen,
weit aus der Zeit!

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Das ist die Sehnsucht

Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit.

Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
die einsamste von allen Stunden steigt,
die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
dem Ewigen entgegenschweigt.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Es sang vor langen Jahren
Wohl auch die Nachtigall!
Das war wohl süßer Schall,
Da wir zusammen waren.

Ich sing' und kann nicht weinen,
Und spinne so allein,
Den Faden klar und rein
So lang' der Mond wird scheinen.

Als wir zusammen waren,
Da sang die Nachtigall;
Nun wartet mich ihr Schall,
Da du von mir gefahren.

So oft der Mond mag scheinen,
Denk ich wohl dein allein.
Mein Herz ist klar und rein –
Gott wolle uns vereinen.

Seit du von mir gefahren,
Singt stets die Nachtigall;
Ich denk bei ihren Schall,
Wie wir zusammen waren.

Gott wolle uns vereinen!
Hier spinn ich so allein.
Der Mond scheint klar und rein;
Ich sing und möchte weinen.

Clemens von Brentano

 

 

 

Einmal nur so von Entzücken,
So von dunklem Gram erfüllt
Über deine Hand mich bücken,
Und mein Sehnen wär' gestillt.

Einmal traulich bei dir säumen,
Glückesstill dir lächeln zu,
Selig dir am Herzen träumen
Eines Augenblickes Ruh'!

Einmal nur es glaubend fassen,
Daß dein Lieben nimmer ruht,
Daß dir nimmer werd' erblassen
Meines Bildes Farbenglut.

Einmal in dein Auge sinken
Thränenheiß mein Blick hinein –
Dann hinweg! wo Sterne winken,
Schlumm're meine Seele ein!

Helene Branco

 

 

 

Sehnsucht

O, wenn die Sehnsucht Flügel hätte,
Welch weiter, weißer Schwanenzug
Nähm' mit den Wolken um die Wette
In blaue Fernen seinen Flug.

Und wenn in abendroten Gluten
Und goldnem Brand der Himmel ständ' –
Wie schön, wenn durch die Purpurfluten
Mein Sehnen freie Bahnen fänd'.

Nicht mehr gefesselt und gebunden,
Zög' ohne Wunsch und Weh
Das Flügelpaar die Sonnenstunden
Weiß leuchtend über Land und See.

Bis hin zu aller Sehnsucht Ende,
Wo die Erfüllung stolz und groß,
Streckt ihre reichen Segenshände
Und legt das Glück in meinen Schoß.

Johanna Marie Lankau

 

 

 

Sternengekrönt

Nicht wolle du die Weger wandern,
Darauf die staub'ge Menge geht.
Sei du ein andrer unter andern,
Des Sehnsucht auf den Sternen steht.

Sieh! Überm Staub blühn die Gestirne
Und schauen stets nach irgendwem.
Sie krönen jeder Sehnsucht Stirne
Mit einem Königsdiadem.

Karl Ernst Knodt

 

 

 


Der Himmel über

der Stadt
erinnert mich
ans Meer
ich höre von ferne
die Brandung
des Autoverkehrs
meine Gedanken
kleben an dir
in sinnloser
Sehn-Sucht
es gibt nichts
zu vermissen
nichts wonach
ich suchen müsste
in dieser Stille

ich fühle mich
dir verbunden

Unbekannt

 

 

 

Wer sehnt sich nach dir,
wenn ich mich nach dir sehe?

Wer streichelt dich,
wenn meine Hand nach dir sucht?

Bin das ich, oder sind das
die Reste meiner Jugend?

Bin das ich, oder sind das
die Anfänge meines Alters?

Ist das mein Lebensmut, oder
meine Angst vor dem Tod?

Und warum sollte
meine Sehnsucht dir etwas bedeuten?

Und was gibt dir meine Erfahrung,
die mich nur traurig gemacht hat?

Und was geben dir meine Gedichte,
in denen ich nur sage

wie schwer es geworden ist
zu geben oder zu sein?

Und doch scheint im Garten,
im Wind vor dem Regen, die Sonne

und es duftet das sterbende Gras
und der Liguster,

und ich sehe dich an und
meine Hand tastet nach dir…

Unbekannt

 

 

 

 

 

Wie meine Träume nach dir schrein.
Wir sind uns mühsam fremd geworden,
jetzt will es mir die Seele morden,
dies arme, bange Einsamsein.

Kein Hoffen, das die Segel bauscht.
Nur diese weite, weiße Stille,
in die mein tatenloser Wille
in atemlosem Bangen lauscht.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Wir sind ganz angstallein,
haben nur aneinander Halt,
jedes Wort wird wie ein Wald
vor unserm Wandern sein.

Unser Wille ist nur der Wind,
der uns drängt und dreht;
weil wir selber die Sehnsucht sind,
die in Blüten steht.

Rainer Maria Rilke

 


Die Spinnerin

Ich armes Mädchen!
Mein Spinnerädchen
Will gar nicht gehn,
Seitdem der Fremde
In weißem Hemde
Uns half beim Weizenmähn!
Denn bald so sinnig,
Bald schlotternd spinn ich
In wildem Trab,
Bald schnurrt das Rädchen,
Bald läuft das Fädchen
Vom vollen Rocken ab.
Noch denk ich immer
Der Sense Schimmer,
Den blanken Hut,
Und wie wir beide
An gelber Weide
So sanft im Klee geruht.

Johann Heinrich Voß

 

 


Ach, um deine feuchten Schwingen,
West, wie sehr ich dich beneide:
Denn du kannst ihm Kunde bringen,
Was ich in derTrennung leide !

Die Bewegung deiner Flügel
Weckt im Busen stilles Sehnen;
Blumen, Augen, Wald und Hügel
Stehn bei deinem Hauch in Tränen.

Doch dein mildes sanftes Wehen
Kühlt die wunden Augenlider;
Ach, für Leid müßt ich vergehen,
Hofft ich nicht, zu sehn ihn wieder.

Eile denn zu meinem Lieben,
Spreche sanft zu seinem Herzen;
Doch vermeid, ihn zu betrüben,
Und verbirg ihm meine Schmerzen.

Sag ihm aber, sag's bescheiden:
Seine Liebe sei mein Leben,
Freudiges Gefühl von beiden
Wird mir seine Nähe geben.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Ich steh auf des Berges Spitze,
Und werde sentimental.
»Wenn ich ein Vöglein wäre!«
Seufz ich vieltausendmal.

Wenn ich eine Schwalbe wäre,
So flög ich zu dir, mein Kind,
Und baute mir mein Nestchen,
Wo deine Fenster sind.

Wenn ich eine Nachtigall wäre,
So flög ich zu dir, mein Kind,
Und sänge dir nachts meine
Lieder herab von der grünen Lind'.

Wenn ich ein Gimpel wäre,
So flög ich gleich an dein Herz;
Du bist ja hold den Gimpeln,
Und heilest Gimpelschmerz.

Heinrich Heine

 

 

 


Zwei

Drüben du, mir deine weiße
Rose übers Wasser zeigend,
Hüben ich, dir meine dunkle
Sehnsüchtig entgegen neigend.

In dem breiten Strome, der uns
Scheidet, zittern unsre blassen
Schatten, die vergebens suchen,
Sich zu finden, sich zu fassen.

Und so stehn wir, unser Stammeln
Stirbt im Wind, im Wellenrauschen,
Und wir können nichts als unsre
Stummen Sehnsuchtswinke tauschen.

Leis, gespenstig, zwischen unsern
Dunklen Ufern schwimmt ein wilder
Schwarzer Schwan, und seltsam schwanken
Unsre blassen Spiegelbilder.

Gustav Falke

 

 

 

Abends

Komm, Liebchen, es neigen
Die Wälder sich dir;
Und alles mit Schweigen
Erwartet dich hier.
Der Himmel, ich bitte,
Von Wölkchen wie leer!
Der Mond in der Mitte,
Die Sternlein umher!
Der Himmel im glatten
Umdämmerten Quell!
Dies Plätzchen im Schatten,
Dies andre so hell!
Im Schatten, der Liebe
Dich lockendes Glück,
Dir flüsternd: es bliebe
Noch vieles zurück.
Es blieben der süßen
Geheimnisse viel;
So festes Umschließen;
So wonniges Spiel!
Da rauscht es! Da wanken
Auf jeglichem Baum
Die Äste, da schwanken
Die Vögel im Traum.
Dies Wanken, dies Zittern
Der Blätter im Teich -
O Liebe, dein Wittern!
O Liebe, dein Reich!

Johann Georg Jacobi

 

 

Sehnsucht

Ich ging den Weg entlang, der einsam lag,
Den stets allein ich gehe jeden Tag.
Die Heide schweigt, das Feld ist menschenleer;
Der Wind nur webt im Knickbusch um mich her.
Weit liegt vor mir die Straße ausgedehnt;
Es hat mein Herz nur dich, nur dich ersehnt.
Und kämest du, ein Wunder wär's für mich,
Ich neigte mich vor dir: ich liebe dich.
Und im Begegnen, nur ein einziger Blick,
Des ganzen Lebens wär es mein Geschick.
Und richtest du dein Auge kalt auf mich,
Ich trotze, Mädchen, dir: ich liebe dich.
Doch wenn dein schönes Auge grüßt und lacht,
Wie eine Sonne mir in schwerer Nacht,
Ich zöge rasch dein süßes Herz an mich
Und flüstre leise dir: ich liebe dich.

Detlev von Liliencron
 

 

 

Zu dir

Und fällt ein Reif auf all' mein Wagen,
Und seufzt ein angsterfülltes Fragen
In mir:
Und schüttelt Schmerz mir wild die Glieder, -
Trägt's mich doch hoch auf Sturmgefieder
Zum Licht!
Mein mut'ger Stolz lernt nicht verzagen,
Mein heißes Herz wird nie entsagen,
Bis daß es bricht:
Ich singe deine Zauberlieder:
Vor allen ZweifelN flücht' ich wieder
Zu dir!

Therese Dahn

 

 

 

 

Wie lange noch?

Die Sonne verglüht, es verrinnen die Stunden,
Da brechen sie auf, die brennenden Wunden:
Stumme Sehnsucht im pochenden Herzen
Weckt und entfacht die zehrenden Schmerzen.
Seh' ich den Himmel und seine Sterne,
Fühl' ich dich nahe trotz aller Ferne.
Der wogenden Nachtluft würzigen Brodem
Schlürf´ ich, als sei's dein süßer Odem.
Alles verklärt mir ein glänzender Schimmer,
Dich nur erschau' ich, überall, immer:
Die heiße Sehnsucht wird mich verzehren:
Wie lange noch, ach! wie lange soll's währen?

Therese Dahn

 

 

 

 

Verbannt

Die Wolken zieh'n, die Winde wehen,
Auf hohem Berge möcht' ich stehen
Und ach! noch einmal schau'n das Land,
Wo ich zuerst Dich sah - und fand.

Wie magst in Nächten und in Tagen
Du all das Leid der Trennung tragen?
Ach, oder ist es schon gethan?
Und schläffst du unterm Wiesenplan?

Die Wolken zieh'n, die Winde wehen,
Und rastlos muß ich weitergehen: -
Und immer ferner liegt das Land,
Wo ich zuerst dich sah - und fand.

Therese Dahn

 

 

 

 


Kehr' ein bei mir
Du bist die Ruh',
Der Friede mild,
Die Sehnsucht du,
Und was sie stillt.

Ich weihe dir
Voll Lust und Schmerz
Zur Wohnung hier
Mein Aug' und Herz.

Kehr' ein bei mir,
Und schließe du
Still hinter dir
Die Pforten zu!

Treib andern Schmerz
Aus dieser Brust!
Voll sei dies Herz
Von deiner Lust;

Dies Augenzelt,
Von deinem Glanz
Allein erhellt,
O füll' es ganz!

Friedrich Rückert

 

 

 

Im Garten

Die hohen Himbeerwände
Trennten dich und mich,
doch im Laubwerk unsre Hände
Fanden von selber sich.

Die Hecke konnt' es nicht wehren
Wie hoch sie immer stund:
Ich reichte dir die Beeren,
Und du reichtest mir deinen Mund.

Ach, schrittest du durch den Garten
Noch einmal im raschen Gang,
Wie gerne wollt' ich warten,
Warten stundenlang.

Theodor Fontane

 

 

 

Der unsichere Bote

Ich saß allein zu später Zeit,
Mich sehnend in die Ferne weit,
Da kam herein der Mondenschein
Und sprach: "Kann ich zu Diensten sein?"

Ich sprach: "Ja, mach dich auf geschwind,
Zu küssen mir mein Herzenskind,
Zu grüßen mir mein süßes Lieb',
Wie's beiden geht, mir Kunde gib!"

Bald hofft ich treulichen Bericht,

Da wurde mir's auf einmal klar,
Das just das letzte Viertel war.

Cäsar von Lengerke

 

 

 

Ich knie zu deinen Füßen
und fleh dich bittend an:
leg mir aufs Haupt die Hände,
geliebter stiller Mann –
daß ich es fühl wie Segen
der heilge Wunder tut,
und meine Sehnsuchts-Seele
in deiner Seele ruht.

Luise Baer

 

 

 

I

 

Mein Herz ist wie ein See so weit
drin lacht dein Antlitz sonnenlicht
in tiefer, süßer Einsamkeit,
wo leise Well’ an Well’ sich bricht.

Ist’s Nacht, ist’s Tag? Ich weiß es nicht.
Lacht doch auf mich so lieb und lind
dein sonnenlichtes Angesicht,
und selig bin ich wie ein Kind.

II

Es ist der Wind um Mitternacht,
der leise an mein Fenster klopft.
Es ist der Regenschauer sacht,
der leis an meiner Kammer tropft.

Es ist der Traum von meinem Glück,
der durch mein Herz streift wie der Wind.
Es ist der Hauch von deinem Blick,
der durch mein Herz schweift regenlind.

III

Einsam durch den düsterblauen
nächt’gen Himmel seh’ ich grelle
Blitze zucken an den Brauen
schwarzgewölbter Wolkenwelle.
Einsam loht der Stamm der Fichte
fern an duft’ger Bergeshalde.
Drüber hin im roten Lichte
zieht der fahle Rauch zum Walde.
In des Himmels fernes Leuchten
rinnt der Regen zart und leise,
traurig, schaurig, eigner Weise. –

In deinen tränenfeuchten
Augen ruht ein Blick,
der schmerzlich, herzlich
dir und mir verwehte Leiden,
verlorne Stunden und zerronnen Glück
zurückrief beiden. –

IV

In stillen Stunden sinn’ ich oft,
was mir so sehnlich bangt und graut,
wenn unvermerkt und unverhofft
ein süßer Traum mich übertaut.

Weiß nicht, was ich hier träum’ und sinn’,
weiß nicht, was ich noch leben soll;
– und doch, wenn ich so selig bin,
schlägt mir mein Herz so sehnsuchtsvoll.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

 

 

 

 

Nun ist mit seinem lauten Treiben
Der heiße Tag zur Ruh gebracht,
Und nur die kühlen Brunnen bleiben
Einsam geschäftig über Nacht.

Und wie sich tiefgeheime Kunde
Im Mondendämmer offenbart,
So steigt aus meines Herzens Grunde
Die Sehnsucht, die mein Leben ward.

Es schläft, was mich am Tag umdüstert,
Was mich verwirrt, bedrängt, gequält :
Mir ist, als ob dein Mund mir flüstert,
Dein Hauch dem meinen sich vermählt.

Franz Kugler

 

 

 

 

Gefeit.
            
Nun mag geschehen was da will,
Ich stehe fest und halte still;
Was kann mich fürder kränken?
Nun bin ich gegen Haß und Neid
Unnahbar durch den Trost gefeit
Daß du mich liebst zu denken.

Wohl kommen Tage trüb und schaal,
Da will kein Freudensonnenstrahl
Die Wolken licht umsäumen.
Doch alle Sorgen, alles Leid
Entgilt mir Nachts die Seeligkeit
Daß du mich liebst zu träumen.

Ob mich die Menschen mißverstehn,
Mein Bestes mir zur Schmach verdrehn
Die Ehre mir zu rauben, –
Was fragt mein tapfres Herz danach
So lang' ich Eines noch vermag:
Daß du mich liebst zu glauben.

Wilhelm Jordan

 

 

 

Leises Lied

In einem stillen Garten,
an eines Brunnens Schacht,
wie wollt ich gerne warten
die lange graue Nacht.

Viel helle Lilien blühen
um des Brunnens Schlund;
drin schwimmen golden die Sterne,
drin badet sich der Mond.

Und wie in den Brunnen schimmern
die lieben Sterne hinein,
glänzt mir im Herzen immer
deiner lieben Augen Schein.

Die Sterne doch am Himmel,
die stehn uns all so fern;
in deinem stillen Garten
stünd' ich jetzt so gern.

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

Verlorene Liebe

Lieder schweigen jetzt und Klagen,
Nun will ich erst fröhlich sein,
All mein Leid will ich zerschlagen
Und Erinnern – gebt mir Wein!
Wie er mir verlockend spiegelt
Sterne und der Erde Lust,
Stillgeschäftig dann entriegelt
All die Teufel in der Brust,
Erst der Knecht und dann der Meister,
Bricht er durch die Nacht herein,
Wildester der Lügengeister,
Ring mit mir, ich lache dein!
Und den Becher voll Entsetzen
Werf ich in des Stromes Grund,
Daß sich nimmer dran soll letzen
Wer noch fröhlich und gesund!

Lauten hör ich ferne klingen,
Lustge Bursche ziehn vom Schmaus,
Ständchen sie den Liebsten bringen,
Und das lockt mich mit hinaus.
Mädchen hinterm blühnden Baume
Winkt und macht das Fenster auf,
Und ich steige wie im Traume
Durch das kleine Haus hinauf.
Schüttle nur die dunklen Locken
Aus dem schönen Angesicht!
Sieh, ich stehe ganz erschrocken:
Das sind ihre Augen licht,

Locken hatte sie wie deine,
Bleiche Wangen, Lippen rot –
Ach, du bist ja doch nicht meine,
Und mein Lieb ist lange tot!
Hättest du nur nicht gesprochen
Und so frech geblickt nach mir,
Das hat ganz den Traum zerbrochen
Und nun grauet mir vor dir.
Da nimm Geld, kauf Putz und Flimmern,
Fort und lache nicht so wild!
O ich möchte dich zertrümmern,
Schönes, lügenhaftes Bild!

Spät von dem verlornen Kinde
Kam ich durch die Nacht daher,
Fahnen drehten sich im Winde,
Alle Gassen waren leer.
Oben lag noch meine Laute
Und mein Fenster stand noch auf,
Aus dem stillen Grunde graute
Wunderbar die Stadt herauf.
Draußen aber blitzts vom weiten,
Alter Zeiten ich gedacht',
Schaudernd reiß ich in den Saiten
Und ich sing die halbe Nacht.
Die verschlafnen Nachbarn sprechen,
Daß ich nächtlich trunken sei –
O du mein Gott! und mir brechen
Herz und Saitenspiel entzwei!

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff

 

 

 


Der Gotenknecht

Ein Gotenknecht im Apfelbaum
Träumt einen jungen Wandertraum.
Er hält das Bild der Kaiserin
Und schaut zum Waldgebirge hin.

Dort, wo am duftgen Horizont
Die Frühlingssonne wärmer sonnt,
Wo blauer strahlt des Himmels Blau,
Dort liegt der benedeite Gau,

Dort thront die wunderbare Stadt,
Die Ruhm und üppige Frauen hat.
Sein Auge netzt ein Tränenstrom,
Und seine Lippen lallen "Rom".

In einer grauen Regennacht
Hat er sich heimlich aufgemacht,
Und unaufhaltsam weiter flieht
Sein Fuß, wohin das Herz ihn zieht.

Er leidet Hunger, Durst und Not,
Gefahr aus allen Büschen droht;
Er nimmt es alles für Gewinn
Und küßt das Bild der Kaiserin.

In Ravensburg von ungefähr
Lag stationiert ein römisch Heer.
Sie peitschten ihn zum Anbeginn
Und schenkten ihn der Kaiserin.

Die hörte staunend und gerührt
Den Eros, der ihn hergeführt.
Sie hat ihn huldvoll angeblickt
Und zu den Bestien hingeschickt.

Am Kreuze hing der Gotenknecht.
Warum nicht? Das ist römisch Recht.
Ein Bär zerfleischte seine Brust.
Da hast du römische Sinnenlust.

Carl Spitteler

 

 


Sehnsucht

Was zieht mir das Herz so?
Was zieht mich hinaus?
Und windet und schraubt mich
Aus Zimmer und Haus?
Wie dort sich die Wolken
Um Felsen verziehn!
Da möcht' ich hinüber,
Da möcht' ich wohl hin!

Nun wiegt sich der Raben
Geselliger Flug;
Ich mische mich drunter
Und folge dem Zug.
Und Berg und Gemäuer
Umfittigen wir;
Sie weilet da drunten,
Ich spähe nach ihr.

Da kommt sie und wandelt;
Ich eile so bald,
Ein singender Vogel,
Zum buschichten Wald.
Sie weilet und horchet
Und lächelt mit sich:
"Er singet so lieblich
Und singt es an mich."

Die scheidende Sonne
Verguldet die Höhn;
Die sinnende Schöne,
Sie läßt es geschehn,
Sie wandelt am Bache
Die Wiesen entlang,
Und finster und finstrer
Umschlingt sich der Gang.

Auf einmal erschein' ich,
Ein blinkender Stern.
"Was glänzet da droben,
So nah und so fern?"
Und hast du mit Staunen
Das Leuchten erblickt:
Ich lieg' dir zu Füßen,
Da bin ich beglückt!

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

Derweil du mich verlassen hast

Derweil du mich verlassen hast,
Verließ mich auch der Schlummer;
Unrast war mein beständ'ger Gast,
Mein Bettgenoß der Kummer.

Ich glaub' auch du hast viel geweint,
Dein Auge sah ich glänzen;
Nun bist du ruhig wie es scheint,
Und fährst zu Spiel und Tänzen.

Da stellt' ich mich ans Treppenhaus
Ins gaffende Gedränge;
Ein Wagen hielt, du stiegst heraus,
Und Lob ging durch die Menge.

Wie schien dein Putz zum Hohn mir gar!
Anstatt der Myrtenkrone,
Die einst ich träumt', umfing dein Haar
Ein Kranz von rotem Mohne.

Die Blumen der Vergessenheit
Trugst du mit Lachen und Scherzen,
Da dacht' ich der vergangenen Zeit
Und sprach zum klopfenden Herzen:

Heut' macht sie Glück, denn leicht und laut
Trägt sie im Haargeflechte
Als Schmuck für eine lust'ge Stund'
Den Schlummer meiner Nächte.

Hans Demetrius, Ritter von Hopfen

 

 

 

Das weiße Fräulein

Es schlummert das Gregoriental
in tiefem Blumenschnee;
wie Silberkrönlein blitzen zumal
Maiblumen, Veiel und Klee.

Der Mond scheint bergesüber herein -
nun tropfen die Wälder von Licht;
es fließt wie ein fremder Heil'genschein
über den Landen dicht...

Ein Burggemäuer hängt an der Firn,
dort senkt der Pfad sich sacht;
und wie in heimatlosem Irr'n
tastet wer in die Nacht -

Zu Tale schwebt die feine Gestalt
mit ungehörtem Schritt,
und durch den mondesbeleuchteten Wald
wandelt ein Singen mit...

Es steht wie ein lachendes Warten auf Glück
um die Lippen der süßen Frau;
sie sucht in die Ferne, sie schaut nicht zurück,
sie tritt auf die Maienau.

Da rauscht ein Brünnlein mit zartem Getön,
sie setzt sich auf seinen Rand.
Die Tropfen gleiten ihr perlenschön
über die zitternde Hand -

Es löst das seltsame, hohe Weib
all ihrer Gewänder Pracht,
und neigt sich, und badet den blendenden Leib
im Brunnen verstohlen sacht...

Dann tut sie ihr jaspishelles Kleid
und Spangen und Kettlein an,
als rüste sie sich zu bräutlicher Zeit
und fühlte die Wonne nah'n...

Wie glasgesponnene Fäden fließt
ihr Ringelhaar, das sie strählt;
und von der sternhellen Aue liest
sie Maiblumen ungezählt...

Sie heftet die duftenden an ihr Kleid,
und flicht sich ein Krönlein und lacht -
spähend und harrend schaut sie weit
in die Mondesmitternacht.

Und leuchtend das Land, und silbern der Wald,
Maiblumengleich die Au',
und weiß umrinnt das Licht die Gestalt
der weißen harrenden Frau.

Sie singt nicht mehr - sie starrt weithin,
als ob sie durch Himmel und Land
ein Liebstes suchte mit fieberndem Sinn,
das sie doch nimmer fand...

Dann wendet sie sich - die Luft wird fahl,
die Sterne schwinden im Grau;
es fallen des Morgens Tränen zu Tal,
in die silbernen Knospen der Au'.

Und sie sucht den blassen Pfad im Wald,
muß heim zu Burg und Bann;
die arme, rührende Lichtgestalt
hebt leise zu schluchzen an.

Das funkelnde Kleid verfärbt sich in Grau -
es löst sich der Maienkranz;
und blumenlos entwandelt die Frau -
zu Tränen ward der Glanz...

So sucht alle Nacht die Sehnsucht den Steg
zum fernen, leuchtenden Glück -
mit Singen und Lachen hebt an ihr Weg,
und schluchzend kehrt sie zurück.

Alberta von Puttkammer

 

 


Abendstimmung

Glühendrot der Sonnenball
will ins Meer versinken,
und die Fluren überall
Tau und Frieden trinken;
leise wiegt die Knospe sich
an dem braunen Zweige…
Traumhaft kommt sie über mich,
Sehnsucht tief und wunderlich,
geht der Tag zur Neige.

Clara Müller-Jahnke

 

 

 

 

Franziska

Franziska, mein reizender Falter,
Hätt'st du nicht zu eng für dein Alter
Den keimenden Busen geschnürt,
Dann klafften wohl nicht die Gewänder,
Sobald ich nur eben die Bänder
Mit harmlosem Finger berührt.
Nun wehr auch nicht meinem Entzücken,
Als erster die Küsse zu pflücken
Der zarten, jungfräulichen Haut.
Mich blendet die schneeige Weiße,
Solang' ich das Fleisch nicht, das heiße,
Mit bebenden Lippen betaut.
Denn gleich wie die Knospe der Blume
Nichts ahnt von der Pracht und dem Ruhme
Der Rose am üppigen Strauch,
So seh' ich bescheiden erst schwellen
Die keuschen, die kindlichen Wellen,
Umweht von berauschendem Hauch.
O! glaub mir, die Monde entfliehen,
Die Rosen verwelken, verblühen
Und fallen dem Winter zum Raub.
Es kommen und gehen die Jahre,
Man legt deinen Leib auf die Bahre
Und alles wird Moder und Staub.

Frank Wedekind

 

 

 

Die Spröde

Ich sahe eine Tig'rin
Im dunkeln Haine,
Und doch mit meinen Tränen
Konnt' ich sie zähmen.
Sah auch die harten Steine,
Ja Marmelsteine,
Erweicht vom Fall der Tropfen
Gestalt annehmen.
Und du, so eine zarte,
Holdsel'ge Kleine,
Du lachst zu meinem Seufzen
Und bittern Grämen.

August Kopisch

 

 

 

Ich liebe eine Blume, doch weiß ich nicht welche;
Das macht mir Schmerz.
Ich schau in alle Blumenkelche,
Und such ein Herz.

Es duften die Blumen im Abendscheine,
Die Nachtigall schlägt.
Ich such ein Herz so schön wie das meine,
So schön bewegt.

Die Nachtigall schlägt, und ich verstehe
Den süßen Gesang;
Uns beiden ist so bang und wehe,
So weh und bang.

Heinrich Heine

 

 

 

Niemand kann verlornen Harrens Schmerzen
Einem sehnsuchtsvollen Frauenherzen
Je vergelten, niemand ihr vergüten,
Was in solchen unermeßnen Stunden
Still der Wurm genagt von ihren Blüten,
Der auch nicht, um den sie es empfunden.

Wenn er dann auch stürzt zu ihren Füßen,
Leiden und versäumtes Glück beklagt;
Schmerz hat weh getan, der Wurm genagt.
Aber mancher kehret nie mehr wieder,
Drückt er auch ein Herz zum Grabe nieder.

Nikolaus Lenau

 

 

 

 

Die Stunde schlug

Die Stunde schlug, und deine Hand
Liegt zitternd in der meinen,
An meine Lippen streiften schon
Mit scheuem Druck die deinen.

Es zuckten aus dem vollen Kelch
Elektrisch schon die Funken;
O fasse Mut und fliehe nicht,
Bevor wir ganz getrunken!

Die Lippen, die mich so berührt,
Sind nicht mehr deine eignen;
Sie können doch, solang du lebst,
Die meinen nicht verleugnen.

Die Lippen, die sich so berührt,
Sind rettungslos gefangen;
Spät oder früh, sie müssen doch
Sich tödlich heimverlangen.

Theodor Storm

 

 

 

Sehnsucht

Ach, aus dieses Tales Gründen,
Die der kalte Nebel drückt,
Könnt ich doch den Ausgang finden,
Ach, wie fühlt ich mich beglückt!
Dort erblick ich schöne Hügel,
Ewig jung und ewig grün!
Hätt ich schwingen, hätt ich Flügel,
Nach den Hügeln zög ich hin.

Harmonien hör ich klingen,
Töne süßer Himmelsruh,
Und die leichten Winde bringen
Mir der Düfte Balsam zu,
Goldne Früchte seh ich glühen,
Winkend zwischen dunkelm Laub,
Und die Blumen, die dort blühen,
Werden keines Winters Raub.

Ach wie schön muß sich's ergehen
Dort im ew'gen Sonnenschein,
Und die Luft auf jenen Höhen,
O wie labend muß sie sein!
Doch mir wehrt des Stromes Toben,
Der ergrimmt dazwischen braust,
Seine Wellen sind gehoben,
Das die Seele mir ergraust.

Einen Nachen seh ich schwanken,
Aber ach! Der Fährmann fehlt.
Frisch hinein und ohne Wanken!
Seine Segel sind beseelt.
Du mußt glauben, du mußt wagen,
Denn die Götter leihn kein Pfand,
Nur ein Wunder kann dich tragen
In das schöne Wunderland.

Johann Christoph Friedrich von Schiller

 

 

 

In der Nacht

Unruhig steht die Sehnsucht auf,
Ihr ist so schwül, sie atmet tief,
Und hundert Wünsche stehen auf,
Die sie am müden Tag verschlief.

Sie rührt der Mutter an den Saum,
Der Mutter Nacht, die achtets kaum,
Und denkt, es wär der Wind, der strich.
Die Wimper hebt sie wie aus tiefem Traum
Und lächelt irr und wunderlich.

Gustav Falke

 

 

 

Nun die Schatten dunkeln,
Stern an Stern erwacht:
Welch ein Hauch der Sehnsucht
flutet durch die Nacht!

Durch das Meer der Träume
steuert ohne Ruh,
steuert meine Seele
deiner Seele zu.

Die sich dir ergeben,
nimm sie ganz dahin!
Auch, du weißt, dass nimmer
ich mein Eigen bin.

Emanuel Geibel

 

 

 

Du bist fern.
Mein Wesen löst sich.
Meine Gestalt schwindet dahin.

Iwa no Hime

 

 

 


Die Fensterschau

Der bleiche Heinrich ging vorbei,
Schön Hedwig lag am Fenster.
Sie sprach halblaut: Gott steh mir bei,
Der unten schaut bleich wie Gespenster!

Der unten erhebt sein Aug in die Höh,
Hinschmachtend nach Hedewigs Fenster.
Schön Hedwig ergriff es wie Liebesweh,
Auch sie ward bleich wie Gespenster.

Schön Hedwig stand nun mit Liebesharm
Tagtäglich lauernd am Fenster.
Bald aber lag sie in Heinrichs Arm,
Allnächtlich zur Zeit der Gespenster.

Heinrich Heine

 

 

 

Kammer-Kummer

Es äugt ein Wunsch aus mir nach der Uhr.
Der lauscht auf Briefträgerschritte
Und murmelt unaufhörlich nur
Die Worte "bitte, bitte".

Sich schämend richtet sein Gebet
Die Ohren nach der Klingel.
Ein Brief soll läuten. Darauf steht:
"An Herrn Joachim Ringel –"

Ha! Klingelt schon! Und kommt ein Brief. –

Nicht der, den ich wollte lesen.

Einschlafende Hoffnung atmet tief,
Träumt ab, was niemals gewesen.

Joachim Ringelnatz

 

 

 

Sehnsucht

Als mein Auge sie fand
Und mein Herz sie erkannt,
O, wie glühte die Brust
Von Entzücken, von Lust!

Wie voll Düfte die Au',
Und der Himmel, wie blau!
Und der Wald voll Gesang,
Und die Lüfte voll Klang!

Ohne sie, wie so kalt,
Und die Welt, wie so alt,
Und die Erde, wie leer,
Und das Herz, ach! – so schwer.

Joseph Christian Freiherr von Zedlitz

 

 

Könnt' ich verwehen,
zu Nebel vergehen,
zerfließen in Luft;
ich hielt' voll Erbarmen
die Welt in den Armen.
So mit dem Herzen
voll Liebe und Schmerzen
verglüh' ich allein
und sinke in Flammen
und Asche zusammen.

Julius Mosen

 

 

 

 

Mignon

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
möcht ich mit dir, o mein Geliebter ziehn!

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach.
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach.
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan? –
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn!

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut.
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.
Kennst du ihn wohl?
Dahin! Dahin
geht unser Weg. O Vater, laß uns ziehn!

Johann Wolfgang von Goethe
 

 

 

 

Mein Falke

O Sehnsucht, wilder Falke mein,
Willst du auch müde werden?
Dess' Heimat hoch im Blauen war,
Behagt's dir nun auf Erden?

Wie oft hast du den jungen Sinn
Aus diesen grauen Tagen
Hoch über Sorge, Not und Leid
Getragen.

Bis mir das dunkle Tal entschwand
Im märchenweiter Ferne
Und um mein glühend Haupt sich bog
Das Diadem der Sterne.

Nun beugst auch du die stolze Stirn
Und läßt die Flügel hängen,
Nun hat auch dich die Sorgenfrau
Gefangen.

Brich deine Fesseln, Wanderfalk,
Und hebe dein Gefieder -
Siehst du die Sterne droben glühn,
Hörst du die süßen Lieder?

Es ist die Heimat, die uns ruft,
Sie lockt mit Lust und Wonne,
Steig auf mit hellem Jubelschrei
Zur Sonne!

Anna Ritter

 

 

 

Über alles hinaus!

Ich bin ein Fremdling auf Erden
Und wandere ein und aus,
Und kann nicht heimisch werden
In meinem eigenen Haus.

Der Sehnsucht wunde Schwingen,
Gezwängt in Gefangenschaft,
Schlagen in blutigem Ringen,
Flattern in lechzender Kraft!

Paläste aus Marmorquadern
Sind leichtes Wandergezelt;
Tief in des Herzens Adern
Glüht eine andere Welt.

Emil Claar

 

 

 

Blühende Gräber

Leis verglüht der Tag in den Pappelzweigen,
Glockentöne wiegen den Wald in Schlummer,
durch des Friedhofs träumende Stille weht's wie ewige Sehnsucht.

Sehnsucht eines lange erloschnen Lebens,
Sehnsucht alter, lange vergessner Liebe,
ausgelittene Schmerzen, verblühtes Glück aus früheren Tagen.

Drang des Lebens, bildender Schöpferodem,
deines Waltens heilige Nähe fühl ich,
fühle dich im Säuseln entschlafner Sehnsucht über den Gräbern!

Nicht, Natur, Allmutter, vergißt du deiner
toten Kinder: aus erstorbenen Herzen
steigt die Liebe strahlend empor in tausend Blumen des Frühlings.

Wilhelm Hertz

 

 

 

Eine Sehnsucht sitzt im Herzen,
ich weiß nicht, wohin sie will.
Flieht sie zum Himmel, bleibt sie auf Erden?
Ich liege und halte still.

Sucht sie des Grabes Ruh oder das Leben?
Ich fühl's, sie läßt sich nicht stillen,
es ist eine Sehnsucht auf eigene Hand,
nur um der Sehnsucht willen.

Erik Axel Karlfeldt

 

 

 

Erwache, schöne Schläferin,
Falls dieser Kuss nicht zu bestrafen:
Doch wenn ich dir zu zärtlich bin
Schlaf, oder scheine mir zu schlafen.

Die Unschuld, die nur halb erwacht,
Wann Lieb' und Wollust sie erregen,
Hat öfters manchen Traum vollbracht,
Den Spröde sich zu wünschen pflegen.

Was du empfindest, ist ein Traum:
Doch kann ein Traum so schön betrügen?
Gibst du der Liebe selbst nicht Raum:
So laß dich dann ihr Bild vergnügen.

Friedrich von Hagedorn

 

 

 

Ich teile gerne
mein Los in Liebe und Haß;
Glück und Schmerz, zu erleiden
das vollgerüttelte Maß.

Sub luna morior.
Dunkel ist meine Gruft.
Gib mich der Scholle hin
oder zerstäub mich in Luft:
drei Schaufeln Erde,
ein Häuflein verglühte Schicht,
flatternd, wie meine Sehnsucht
flattert im mondklaren Licht.

Erik Axel Karlfeldt

 

 

 

Sehnsucht

Sturm, wer gab dir den Atem?
Welle, wer gab dir Flügel?
Und du Vöglein droben im schimmernden Blau,
Wer rief dich über die Hügel?
Ich weiß, ach ich weiß …

Es geht eine alte Melodie,
Die war mit der Menschheit geboren,
Jahrtausende starben, sie hat sich nie
Im Lärmen des Tages verloren:
Sehnsucht, Sehnsucht,
Treibende Macht!
Gott, der in Fesseln
Der Knechtschaft lacht,
Zagenden heimlich die Schwingen löst,
Trunk’ne hinab in den Abgrund stößt,
Sonne des Tages,
Seele der Nacht –
Sehnsucht, Sehnsucht,
Treibende Macht!

Anna Ritter

 

 

 

Betörung

Nun bist du, Seele, wieder deinem Traum
Und deiner Sehnsucht selig hingegeben.
In holdem Feuer glühend fühlst du kaum,
Daß Schatten alle Bilder sind, die um dich leben.

Denn nächtelang war deine Kammer leer.
Nun grüßen dich, wie über Nacht die Zeichen
Des jungen Frühlings durch die Fenster her,
Die neuen Schauer, die durch deine Seele streichen.

Und weißt doch: niemals wird Erfüllung sein
Den Schwachen, die ihr Blut dem Traum verpfänden,
Und höhnend schlägt das Schicksal Krug und Wein
Den ewig Dürstenden aus hochgehobnen Händen.

Prof. Dr. Ernst Maria Richard Stadler

 

 

 

Ein Letztes

Oft denk ich: wenn du bei mir wärest
Und meiner Sehnsucht wilde Flut
Sich in dein liebes Herz ergösse,
Dann wäre Alles, Alles gut!

Und schüttle dann die Stirne leise
Und weiß – es bliebe doch ein Rest,
Der auch vom treusten Menschenherzen
Sich nicht zur Ruhe bringen läßt.

Anna Ritter

 

 

 

Gang im Schnee

Nun rieseln weiße Flocken unsre Schritte ein.
Der Weidenstrich läßt fröstelnd letzte Farben sinken,
Das Dunkel steigt vom Fluß, um den versprengte Lichter blinken,
Mit Schnee und bleicher Stille weht die Nacht herein.

Nun ist in samtnen Teppichen das Land verhüllt,
Und unsre Worte tasten auf und schwanken nieder
Wie junge Vögel mit verängstetem Gefieder –
Die Ebene ist grenzenlos mit Dämmerung gefüllt.

Um graue Wolkenbündel blüht ein schwacher Schein,
Er leuchtet unserm Pfad in nachtverhängte Weite,
Dein Schritt ist wie ein fremder Traum an meiner Seite –
Nun rieseln weiße Flocken unsre Sehnsucht ein.

Prof. Dr. Ernst Maria Richard Stadler

 

 


Auf der alten Stadtmauer

Am alten Gemäuer das Treppchen hinan –
Nun, Märchendämmrung, nimm mich auf!
Es rauscht die Linde,
Es blinkt der Teich,
Und Abendwinde
Rühren so weich
Mich an ...
Hier hat wohl Manche
Aus Lust und Streit
Sich hergeflüchtet
Im Abendschein,
Und ihre Seele
Flog meilenweit
Ins Land hinein.
Und Sterne blühten
Am Himmel auf,
Und Träume stiegen
Vom Grund herauf,
Und Tränen sanken
Heiß auf den Stein –
O Frauensehnsucht,
Wenn schläfst du ein ...?

Anna Ritter

 

 

 

 

Sehnsucht.

Brausend zieht der Sturm vorüber.
Schwarz umhüllt der Himmel sich.
Stürme draußen, Kampf im Innern –
Mutter, Mutter, hörst du mich?

Fühlst du dort, wie all mein Fühlen
Rastlos zu dir aufwärts strebt,
Wie die Blume auf zum Lichte
Sehnsuchtsvoll den Kelch erhebt?

Ja, ich fühl' es immer tiefer:
Mit dem Mutterherzen bricht
Uns'res Lebens schönste Perle –
Mutterlieb' ersetzt sich nicht.

Trost war mir dein zärtlich Lächeln,
Sich'rer Port dein treuer Arm,
Und nun bin ich preisgegeben
Dem fühllosen Menschenschwarm.

Droben grollen Wetterwolken,
In mir grollet bitt'rer Schmerz,
Wie dort fahle Blitze zischen,
Zuckt mir schneidend Weh durch's Herz.

Und ich lebe wie der kranke
Baum, den Winterfrost zerstört.
Drunten hält ihn noch die Scholle,
Doch das Haupt dem Tod gehört.

Eugenie Marlitt

 

 

 

 

Schon viel zu lang
Hab' ich der Bosheit mich ergeben.
Ich lasse töten, um zu leben,
Und bös macht bang.

Denn niemals ruht
Die Stimme in des Herzens Tiefe,
Als ob es zärtlich klagend riefe:
»Sei wieder gut!«

Und frisch vom Baum
Den allerschönsten Apfel brach ich.
Ich biß hinein, und seufzend sprach ich,
Wie halb im Traum:

»Du erstes Glück,
Du alter Paradiesesfrieden,
Da noch kein Lamm den Wolf gemieden,
O komm zurück!«

Wilhelm Busch

 

 

 

 

Sehnsucht, auf den Knieen
Schautest du himmelwärts –
Einzelne Wolken ziehen,
Kommen und entfliehen,
Ewig hofft das Herz.

Liebe – himmlisch Wallen
Goldener Jugendzeit –
Einzelne Strahlen fallen
Wie durch Pfeilerhallen
In das Leben weit.

Einsam in alten Tagen
Lächelt Erinnerung;
Einzelne Wellen schlagen
Rauschen herauf wie Sagen:
Herz, auch du warst jung!

Julius Waldemar Grosse

 

 

 

Und endlich stirbt die Sehnsucht doch

Und endlich stirbt die Sehnsucht doch –
wie Blüthen sterben im Kellerloch,
die ewig auf ein bißchen Sonne warten.
Wie Thiere sterben, die man lieblos hält,
und alles Unbetreute in der Welt!
Man denkt nicht mehr; »Wo wird sie sein –?!?«
Ruhig erwacht man, ruhig schläft man ein.
Wie in verwehte Jugendtage blickst Du zurück,
und irgendeiner sagt Dir weise: »S' ist Dein Glück!«
Da denkt man, daß es vielleicht wirklich so ist,
wundert sich still, daß man doch nicht froh ist!

Peter Altenberg

 

 

Halbtraum

Um mich ist tiefe, dunkle Nacht,
Da denke ich der Lieben mein,
Und schau', da treten alle sie
Gar sacht und still zu mir herein.

Das Mütterchen, das treue kommt,
Auf meines Mädchens Arm gelehnt;
Sie fühlten ja, wie sich mein Herz
So schmerzlich heiß nach ihnen sehnt.

Ich halte beider Hände fest,
So froh, wie ein beschenktes Kind,
Bis mir vor lauter, lauter Glück
Die Augen zugefallen sind.

Otto von Leixner

 

 

 

Ich sah einen Adler sich wiegen
Hoch oben im leuchtenden Blau,
Er schaute aus ewigen Fernen
Herab auf mich einsame Frau.

Es standen so träumend die Felder,
So lockend die Berge umher,
Da flog meine Sehnsucht zum Adler,
Zog weitere Kreise als er.

Anna Ritter
(1865 - 1921), deutsche Dichterin und Nove

 


Ich fühle im Murmeln verborgen
Die zarten, vergangenen Stimmen;
Im Scheine der Klänge verschwimmen
Blasse Liebe und künftiger Morgen.

Und mein Herz, meine Seele erzittern
wie im zweiten Gesichte zu leben,
Und bang durch die Dämmerung schweben
Die erstorbenen Klänge der Zithern.

O den einsamen Tod nun zu sehen –
Wie schnell, bange Lieb', sind entschwunden
Dieses Lebens schwankende Stunden!
Ach! In dieser Schaukel vergehen!

Paul Verlaine

 

 

 

Vom Mondenschein ist
Der Wald so blass.
Im ganzen Hain ist
Ein Flüstern, das
Vom Laubdach tönte:
O Vielersehnte!

Im tiefen Teiche
Bespiegeln lind
Sich schwarze Sträuche,
Es weint der Wind
In Weidenbäumen . . .
Zeit ist zu träumen.

Ein zartes Schweigen
Scheint sanft und rein
Herabzusteigen
Vom Dämmerschein
Der Sternenrunde . . .
Das ist die Stunde.

 

Paul Verlaine

 

 

Aus weissen Wolken
baut sich ein Schloss.

Spiegelnde Seen, selige Wiesen,
singende Brunnen aus tiefstem Smaragd!

In seinen schimmernden Hallen
wohnen
die alten Götter.

Noch immer,
abends,
wenn die Sonne purpurn sinkt,
glühn seine Gärten,
vor ihren Wundern bebt mein Herz
und lange . . . steh ich.

Sehnsüchtig!

Dann naht die Nacht,
die Luft verlischt,
wie zitterndes Silber blinkt das Meer,
und über die ganze Welt hin
weht ein Duft
wie von Rosen.

Hermann Oscar Arno Alfred Holz

 

 

 

Was wird mir jede Stunde so bang? –
Das Leben ist kurz, der Tag ist lang.
Und immer sehnt sich fort das Herz,
Ich weiß nicht recht, ob himmelwärts;
Fort aber will es hin und hin
Und möchte vor sich selber fliehn.
Und fliegt es an der Liebsten Brust,
Da ruht's im Himmel unbewußt;
Der Lebestrudel reißt es fort,
Und immer hängt's an einem Ort;
Was es gewollt, was es verlor,
Es bleibt zuletzt sein eigner Tor.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Ich kann's nicht fassen, nicht glauben,
Es hat ein Traum mich berückt;
Wie hätt' er doch unter Allen
Mich Arme erhöht und beglückt?

Mir war's, er habe gesprochen:
Ich bin auf ewig dein –
Mir war's – ich träume noch immer
Es kann ja nimmer so sein.

O laß im Traume mich sterben,
Gewieget an seiner Brust,
Den seligsten Tod mich schlürfen
In Thränen unendlicher Lust.

Adelbert von Chamisso

 

 

 

 

Wenn man dich Engel nennt,
Will's so der Brauch,
Daß du's an Schönheit bist,
Seh' ich wohl auch;
Magst's auch an Güte sein,
Gib und gewähr!
Nur nicht an Heiligkeit
Bitt' ich gar sehr.

Siehst du der Saaten
Wallenden Streif?
Blond sind die Aehren
Und sie sind reif;
Blond wie dein Häuptchen–
's ist an der Zeit,
Schon hält der Schnitter
Die Waffe bereit.

Franz Grillparzer

 

 

 

 

Daß holde Jugend nur zur Liebe tauge,
Ich weiß es wohl, und daß mein Lenz entschwand;
Doch sehn' ich mich nach einem treuen Auge,
Doch sehn' ich mich nach einer weißen Hand.

Nach einem Auge, das mit hellem Scheine
Aufleuchte, wenn mein Tiefstes ich enthüllt,
Und das in jenen bängsten Stunden weine,
Wo meines sich nicht mehr mit Thränen füllt;

Nach einer Hand, die hier und dort am Wege
Mir einen Zweig noch pflücke, herbstesfarb,
Die mir zum Rasten weich die Kissen lege,
Und mir die Wimpern schließe, wenn ich starb.

Emanuel Geibel

 

 

Wo bist du itzt?

Wo bist du itzt, mein unvergeßlich Mädchen?
Wo singst du itzt?
Wo lacht die Flur, wo triumphiert ein Städtchen,
Das dich besitzt?

Seit du entfernt, will keine Sonne scheinen,
Und es vereint,
Der Himmel sich, dir zärtlich nachzuweinen,
Mit deinem Freund.

All unsre Lust ist fort mit dir gegangen,
Still überall
Ist Stadt und Feld. Dir nach ist sie geflogen,
Die Nachtigall.

O komm zurück! Schon rufen Hirt und Herden
Dich bang herbei.
Komm bald zurück! Sonst wird es Winter werden
Im Monat Mai.

Jakob Michael Reinhold Lenz

 

 

 

Weißt du – wo?

Weit – weit –
hart an der Ewigkeit,
über den Zeiten,
ganz hinter Mitternacht,
wo schauernd schreiten
Füße der Geister sacht,
wo gar kein Wald mehr
und keine Wiese lacht,
wo, dieses Lebens leer,
schläft eines Ozeans Macht,
– dort winkt ein Streifen Strand,
dort kreist die Sehnsucht mein
adlergleich, ganz allein,
suchend nach Land.

Karl Ernst Knodt

 

 


Wann im letzten Abendstrahl
Goldne Wolkenberge steigen
Und wie Alpen sich erzeigen,
Frag' ich oft mit Thränen:
Liegt wohl zwischen jenen
Mein ersehntes Ruhethal?

Ludwig Uhland

 

 

 

Fülle des Lebens

Dein Stern erglänzt in Auferstehungsfrühen,
Dein Schicksal treibt, als Opfer sich zu spenden,
Durstige Flamme, kühn, sich zu verschwenden,
Wie Laubgerinnsel, die im Herbstwald sich verglühen.

In Fernen sind die Hölzer schon geschichtet,
Den Leib zu neuer Weihe zu empfangen –
Und schwellend ist, um das die Wimpel deiner Träume hangen,
Das Brautbett deiner letzten Sehnsucht aufgerichtet.

Prof. Dr. Ernst Maria Richard Stadler

 

 

In der Stille der Nacht,
Hoch oben wandeln die Sterne;
aus tiefem Schlaf bin ich erwacht,
Und starre hinaus in die Ferne.

In der Stille der Nacht
Was hat in das Ohr mir gerufen?
Der Riegel klirrt so leis, so sacht,
Es knistert der Sand auf den Stufen ...

In der Stille der Nacht
O vergebliches, thörichtes Sehnen!
Das Grab hat noch Keinen zurückgebracht –
Gute Nacht! – und entschlumm're in Thränen!

Robert Eduard Prutz

 

 

 

Ich will von den beiden Meeren,
die ewig steigen und fallen,
von Tod und Leben will ich nichts mehr wissen.
Meine Sehnsucht steht nach einem Gipfel,
den die Wasser nicht erreichen.

Aus Japan

 

 

»Alle Kreatur sehnt sich mit uns«

Seh ich am Morgen auf dem Feld
im Tau die Gräser stehen,
gewahr ich, wie die weite Welt
in Sehnsucht will vergehen.

Und wenn sich um des Dorfes Turm
die Wandervögel sammeln,
hör ich aus ihrer Flügel Sturm
ein dunkles Heimweh stammeln.

Karl Ernst Knodt

 

 

 

Ist es Friede, ist es Glück,
Was durch meine Träume zieht,
Unsichtbar, wie Blumenduft,
Leise, wie ein Kindeslied?

 

Kehrt die Jugend mir zurück,
Jene Sehnsucht, die mich mied,
Seit des Lebens kalte Luft
Mich und meine Seele schied?

Ada Christen

 

 

 

Der Verlust

Gieb mir meine Seele wieder,
Du, der sie gefesselt hält
Am gebrochenen Gefieder,
Einsam, still in deiner Welt.
Gieb mir die Gedanken wieder,
Die sich ewig zu dir wenden,
Ohn' zu ruhen, ohn' zu enden,
Immer wogend auf und nieder.

Alles ist mir untergangen,
Selbst die holde Poesie,
Die mich trostreich sonst umfangen
Und dem Schmerz die Thräne lieh.
Alles ist mir untergangen
Mit dem lieben, süßen Sterne,
Der nun zieht in weiter Ferne,
Und der einzig mein Verlangen.

Als ich hoffte, konnt' ich singen, –
Kann doch Ros' im Winter blüh'n,
Sonne durch die Scheiben dringen,
Ihr verkündend Sommers Glüh'n! –
Doch jetzt kann ich nimmer singen,
Hoffnung, Muth sind mir gebrochen,
Still ist meines Herzens Pochen
Und geknickt die kühnen Schwingen.

Ida Gräfin von Hahn-Hahn

 

 

Dies leid und diese last: zu bannen
Was nah erst war und mein.
Vergebliches die arme spannen
Nach dem was nur mehr schein.

Dies heilungslose sich betäuben
Mit eitlem nein und kein
Die unbegründet sich sträuben
Dies unabwendbar-sein.

Beklemmendes gefühl der schwere
Auf müd gewordner pein
Dann dieses dumpfe weh der leere
O dies: mit mir allein!

Stefan George

 

 

 


Gottes Wille

Du hungerst nach Glück, Eva,
und fürchtest dich den Apfel zu pflücken,
den dein Gott dir verboten hat
vor dreitausend Jahren,
du junges Geschöpf!

Jeden Abend seh ich dich,
wie du die magern Händchen
in deinem einsamen Bette
emporringst zu dem Gott der alten Leute:
Gieb ihn, gieb ihn mir!

Du arme Geduld!
Er hat noch nie die Furchtsamen beglückt,
der alte Gott.
Er gab dir deinen Hunger, deine Hände:
Greif zu und iß – dann dulde!

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

Dein Lied erklang, ich habe es gehöret....

Dein Lied erklang, ich habe es gehöret,
Wie durch die Rosen es zum Monde zog;
Den Schmetterling, der bunt im Frühling flog,
Hast du zur frommen Biene dir bekehret,
Zur Rose ist mein Drang,
Seit mir dein Lied erklang!

Dein Lied erklang, die Nacht hat's hingetragen,
Ach, meiner Ruhe süßes Schwanenlied!
Dem Mond, der lauschend von dem Himmel sieht,
Den Sternen und Rosen muß ich's klagen,
Wohin sie sich nun schwang,
Der dieses Lied erklang!

Dein Lied erklang, es war kein Ton vergebens,
Der ganze Frühling, der von Liebe haucht,
hat, als du sangest, nieder sich getaucht
Im sehnsuchtsvollen Strome meines Lebens,
Im Sonnenuntergang,
Als mir dein Lied erklang!

Clemens von Brentano

 

 

 

An ihn von ihr

Mit Muth hab ichs ertragen,
Und habe kaum geweint –
In gut und bösen Tagen
Warst du mein bester Freund!

Nun soll ich dich vermissen,
Du bist von mir so fern –
In allen Kümmernissen
Warst du mein treuer Stern!

Du bist hinweg gegangen
Wohl übers weite Meer –
Doch kenn ich dein Verlangen,
Es zieht zu uns dich her!

O hätt ich, Freund, dich wieder,
An meiner Hand und Brust –
Ich sänge Freudenlieder,
Wie ich sie nie gewußt!

Ludwig Eichrodt

 

 

 

Alle handeln wie die Herzen müssen

Meine Ohren horchen in die Nacht,
Wie der Regen seinen Tanzschritt macht.
Ruhe, eine der uralten Ammen,
Singt ihr Lied mit Dunkelheit zusammen,
Und der Regen tanzt auf flinken Füßen.
Alle handeln wie die Herzen müssen,
Alle wandeln frisch und unverfroren.
Nur die Liebe wird mit Angst geboren,
Nur der Sehnsucht ruhen nie die Ohren.

Max Dauthendey

 

 

 

Einsamer Abend

Im Nachtwind blähn sich leise die Gardinen,
Ein Falter wagt den Todesflug ins Licht
Und büßt den Fürwitz. Mit gelassnen Mienen

Schau ich ihm zu – es ist der Erste nicht,
Den dumpfe Sehnsucht in die Gluth getragen,
Und der im Sturz den kecken Nacken bricht!

Vom Rathhausthurm hör' ich die Uhren schlagen.
Die Töne dringen wuchtig zu mir her,
Als wollte jeder einzelne mir sagen:

"Thu deine Pflicht – du hast nichts Andres mehr.
Ich neige meine Stirn der harten Kunde –
Heut' wird die Last der Einsamkeit mir schwer!

Mein Herz begehrt in dieser dunklen Stunde
Nach einem Herzen, das ihm Heimath wär',
Nach einem Wort aus liebem Menschenmunde!

Anna Ritter

 

 

Abschied ohne Ende

Und so muß ich dich nun doch beschwören,
flieh! Ja, flieh mich,
mich!
Ich: hier, sieh mich:
ich
weiß, ich will und würde dich betören,
und du darfst, du darfst mir nicht gehören.
Flieh auch dich!

Kind mit deinen seltsam grauen Haaren,
sehr lieb klingt es:
– wir –,
sehr trüb klingt es
mir.
Deine Sehnsucht zählt noch nicht nach Jahren,
aber Ich bin tief in mir erfahren
und in Dir.

Alles will sich dir nach mir empören,
dir! Du freilich,
sieh,
du glaubst heilig:
nie!
Und ich weiß, es würde dich zerstören,
wenn wir diese Sehnsucht dann verlören.
Flieh mich! Flieh!

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

Friedlos

Wie es mich reizt mit seinen Wonnen,
Wie es mich quält mit seinem Schmerz!
Wie müde, kaum dem Kampf entronnen,
Auf's neue wünscht mein friedlos Herz!

Und könnt' ich bis zum Himmel schweben,
Mich bergen in der Erde Schoß,
Den Frieden kann mir keines geben,
Die Sehnsucht werd' ich nimmer los…

Thekla Lingen

 

 

 

Suleika

Was bedeutet die Bewegung?
Bringt der Ost mir frohe Kunde?
Seiner Schwingen frische Regung
Kühlt des Herzens tiefe Wunde.

Kosend spielt er mit dem Staube,
Jagt ihn auf in leichten Wölkchen,
Treibt zur sichern Rebenlaube
Der Insekten frohes Völkchen.

Lindert sanft der Sonne Glühen,
Kühlt auch mir die heißen Wangen,
Küßt die Rebe noch im Fliehen,
Die auf Feld und Hügel prangen.

Und mir bringt sein leises Flüstern
Von dem Freunde tausend Grüße;
Eh noch diese Hügel düstern,
Grüßen mich wohl tausend Küsse.

Und so kannst du weiterziehen!
Diene Freunden und Betrübten.
Dort wo hohe Mauern glühen
Find ich bald den Vielgeliebten.

Ach! die wahre Herzenskunde,
Liebeshauch, erfrischtes Leben
Wird mir nur aus seinem Munde,
Kann mir nur sein Athem geben.

Marianne von Willemer

 

 

 

Allerseelen

Stell' auf den Tisch die duftenden Reseden,
Die letzten rothen Astern trag' herbei
Und laß uns wieder von der Liebe reden
Wie einst im Mai.

Gieb mir die Hand, daß ich sie heimlich drücke,
Und wenn man's sieht, mir ist es einerlei;
Gieb mir nur einen deiner süßen Blicke
Wie einst im Mai.

Es blüht und funkelt heut' auf jedem Grabe,
Ein Tag im Jahre ist den Todten frei;
Komm' an mein Herz, daß ich dich wieder habe,
Wie einst im Mai.

Hermann von Gilm, Ritter zu Rosenegg

 

 


Die Nonne in Himmelspforten

Ach! Die Zelle
Wird zu Hölle,
Wenn das Herz erglüht,
Wer in Mauern muß vertrauern,
Wenn die Liebe blüht.

Wie ihr fließet,
Euch ergießet,
Wogen in das Meer,
Ach! So rinnen auch von hinnen
Meine Tage leer!

Dürft ich flieh'n,
Mit euch zieh'n,
Wellen sanft und mild!
Bin gefangen. Mein Verlangen
Nimmer wird gestillt.

Kraft entweichet
Wang erbleichet,
Kummer lastet schwer.
Kann nur sehnen, keine Thränen
Hat das Auge mehr.

Ja, ich fühle
Mich am Ziele,
Alterte schon jung,
Hülle sinket, jenseits winket
Die Vereinigung.

Ludwig I.

 

 

 

Durch die Ferne, durch die Nacht

Hab Erbarmen! hab Erbarmen,
Um mich selbst bin ich gebracht,
Wenn du winkest mit den Armen
Durch die Ferne, durch die Nacht.

Lösch, o lösch die kleine Kerze,
Die mir dieses Nackens Pracht
Nur enthüllt zu meinem Schmerze
Durch die Ferne, durch die Nacht!

Deine Stimme laß ertönen,
Denn sie dringt heran mit Macht,
Als umarmte mich dein Sehnen
Durch die Ferne, durch die Nacht!

Paul von Heyse

 

 

 

Möwe über der Brücke

Dir unterm Fuß,
Zwischen den Ufern Schreitender, spannt
Sich der Brücke gewölbter Bogen.

Und eine Möwe,
Wie ein Gedanke fernher blitzend,
Schießt auf dich ihre blendende Bahn.

Eine Sekunde
Stößt ihr Auge in deines, greift
Dich der weißen Schwinge Umarmung.

Eine Sekunde
Hebt dich der Flug, trägt dich der Geist,
Der schwerelose, brausend empor.

Es weht dich an
Der unendliche Raum, es rauscht
Freiheit dir unermeßlich ums Haupt.

Wie ein Gedanke
Der weiße Vogel, fernhin sich windend,
Und kehrt dir einmal wieder vielleicht

Solange noch
Von Ufer zu Ufer, Wanderer, dich
Der Brücke schweigender Bogen trägt.

Maria Luise Weissmann
(1899 - 1929), deutsche Dichterin

Glühend zwischen dir und mir
Julinächte brüten;
gleiche Sterne dort und hier
unsern Schlaf behüten.

Wähl das schönste Sternelein,
will das gleiche tuen; –
morgen droben Stelldichein
auf geheimen Schuhen.

Gibt du nur nichts anderm Raum,
als mich dort zu finden,
Wird ein gleicher süßer Traum
dich und mich verbinden.

Christian Morgenstern

 

 

 

Zusammen

Nach jenen blauen Bergen senden,
Willst du die Blicke sehnsuchtsvoll,
Willst, daß auch ich mein Aug' hin wenden,
Und deinen dort begegnen soll.

So klammre dich denn, wundes Herze,
an jenen starren Felsen an
Grab' dort dich ein mit deinem Schmerze
Dem nur der ihre gleichen kann.

So findet dort euch, treue Seelen
Zusammen schmied' euch fest der Gram
Nichts wird euch in der Wildnis fehlen
Ob auch das Schicksal alles nahm.

Christian Reinhold Köstlin

 

 

 

Ich blick in mein Herz und ich blick in die Welt,
Bis von schwimmenden Auge die Träne mir fällt,
Wohl leuchtet die Ferne mit goldenem Licht,
Doch hält mich der Nord, ich erreiche sie nicht.
O die Schranken so eng und die Welt so weit,
Und so flüchtig die Zeit, so flüchtig die Zeit.

Ich weiß ein Land, wo aus sonnigem Grün
Um versunkene Tempel die Trauben glühn,
Wo die purpurne Woge das Ufer beschäumt
Und von kommenden Sängern der Lorbeer träumt.
Fern lockt es und winkt dem verlangenden Sinn,
Und ich kann nicht hin, ich kann nicht hin.

O hätt' ich Flügel durch Blau der Luft,
Wie wollt ich baden im Sonnenduft!
Doch umsonst! Und Stunde auf Stunde entflieht,
Vertraure die Jugend, begrabe das Lied.
O die Schranken so eng und die Welt so weit,
Und so flüchtig die Zeit, so flüchtig die Zeit.

Emanuel Geibel

 

 

 

Entweihung

Wag' es selber kaum verstohlen
deinen Namen mir zu stammeln;
ist mir immer doch, als müßt' ich
still mich erst zur Andacht sammeln.

Und ich muß es schweigend leiden,
darf nicht heil'gen Zorns entbrennen
wenn die Andern ohne Scheu mir
diese keuschen Laute nennen, –

mit denselben Lippen nennen,
die des Neides Siegel tragen,
die mit Kuß und Lächeln feilschen,
die zur Lüge Weisheit sagen!

Fort! Ich will aufs Pferd mich werfen,
in die freie Flur es lenken,
will zu meiner Mutter flüchten:
ganz in Reinheit Dein zu denken.

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

Du schreitest wunderbar in mittaglicher Stunde,
Um Deine Brüste rauscht der reife Wind,
Ein Lichtbach über Deinen Nacken rinnt,
Der Sommer blüht auf Deinem Munde.

Du bist ein Wunderkelch der gnadenreichen
Empfängnis liebestrunkner Nacht,
Du bist von Lerchenliedern überdacht,
Und Deine Last ist köstlich ohnegleichen.

Ernst Toller

 

 

 

Ansturm

O zürne nicht, wenn mein Begehren
Dunkel aus seinen Grenzen bricht,
Soll es uns selber nicht verzehren,
Muß es heraus ans Licht!
Fühlst ja, wie all mein Innres brandet,
Und wenn herauf der Aufruhr bricht,
Je über deinen Frieden strandet,
Dann bebst du, aber du zürnst mir nicht.

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

Vergebens

Nimmer löschen, nimmer stillen
Kann ich diese dunkle Sehnsucht
Nach dem Tode.
All mein atemloses Kämpfen,
Sie zu zwingen, ist vergebens.

Jene Zeiten, wo ich glaubte
Eine heiße, tiefe Liebe
Könnte tilgen diese Sehnsucht,
Sind vorüber – tot – begraben;
Denn die Liebe ist gekommen
Und die dunkle Sehnsucht blieb,
Und die Liebe ist geschieden,
Und die Sehnsucht stieg und stieg.

Nimmer löschen, nimmer stillen
Kann ich diese dunkle Sehnsucht
Nach dem Tode.
All mein atemloses Kämpfen,
Sie zu zwingen, ist vergebens.

Felix Dörmann

 

 

 

Du bist mein Land

Du bist mein Land,
ich deine Flut,
die sehnend dich ummeeret;
Du bist der Strand,
dazu mein Blut
ohn' Ende wiederkehret.

An dich geschmiegt,
mein Spiegel wiegt
das Licht der tausend Sterne;
und leise rollt
dein Muschelgold
in meine Meergrundferne.

Christian Morgenstern

 

 

 

Wir wollen, wenn es wieder Mondnacht wird,
die Traurigkeit zu großer Stadt vergessen
und hingehn und uns an das Gitter pressen,
das von dem versagten Garten trennt.

Wer kennt ihn jetzt, der ihn am Tage traf:
mit Kindern, lichten Kleidern, Sommerhüten, –
wer kennt ihn so: allein mit seinen Blüten,
die Teiche offen, liegend ohne Schlaf.

Figuren, welche stumm im Dunkel stehn,
scheinen sich leise aufzurichten,
und steinerner und stiller sind die lichten
Gestalten an dem Eingang der Alleen.

Die Wege liegen gleich entwirrten Strähnen
nebeneinander, ruhig, eines Zieles.
Der Mond ist zu den Wiesen unterwegs;
den Blumen fließt der Duft herab wie Tränen.
Über den heimgefallenen Fontänen
stehn noch die kühlen Spuren ihres Spieles
in nächtiger Luft.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Ich denke dein

Ich denke dein,
Wenn durch den Hain
Der Nachtigallen
Akkorde schallen!
Wann denkst du mein?

Ich denke dein
Im Dämmerschein
Der Abendhelle
Am Schattenquelle!
Wo denkst du mein?

Ich denke dein
Mit süßer Pein
Mit bangem Sehnen
Und heißen Tränen!
Wie denkst du mein?

O denke mein,
Bis zum Verein
Auf besserm Sterne!
In jeder Ferne
Denk ich nur dein.

Friedrich von Matthisson

 

 

 

Das Sehnen

Wehmut, die mich hüllt,
Welche Gottheit stillt
Mein unendlich Sehnen!
Die ihr meine Wimper näßt,
Namenlosen Gram entpreßt,
Fließet, fließet Tränen!
Mond, der lieb und traut
In mein Fenster schaut,
Sage, was mir fehle!
Sterne, die ihr droben blinkt,
Holden Gruß mir freundlich winkt,
nennt mir, was mich quäle!
In die Ferne strebt,
Wie auf Flügeln schwebt
Mein erhöhtes Wesen.
Fremder Zug, geheime Kraft,
Namenlose Leidenschaft,
Laß, ach laß genesen!

Ludwig Gotthard  Kosegarten

 

 

 

Da meine lippen reglos sind und brennen

Da meine lippen reglos sind und brennen,
Beacht ich erst, wohin mein fuß geriet:
In andrer herren prächtiges gebiet.
Noch war vielleicht mir möglich, mich zu trennen;
Da schien es, daß durch hohe gitterstäbe
Der blick, vor dem ich ohne laß gekniet,
Mich fragend suchte oder zeichen gäbe.

Stefan George

 

 

 

Fernes Licht mit nahem Schein

Fernes Licht mit nahem Schein
wie ich mich auch lenke,
lockt es dich nicht dazusein,
wenn ich an dich denke?

Wo du bist, du sagst es nicht
und du kannst nicht lügen.
Nahen Schein von fernem Licht
läßt du mir genügen.

Wüßt' ich, wo das ferne Licht,
wo es aufgegangen,
naher Schein, er wehrte nicht,
leicht dich zu erlangen.

Fernes Licht mit nahem Schein,
mir zu Lust und Harme,
lockt es dich nicht da zu sein,
wenn ich dich umarme?

Karl Kraus

 

 

 

Sehnsucht

Die große Sehnsucht, die in allem lebt,
Hat immer ihre dunklen Augen offen,
Den stillen Baum beseelt dasselbe Hoffen,
Das deine Tage aus dem Dumpfen hebt.

Sehnsüchtig klingt der Sang des Vogels her,
Der Blumen stummes Lied, die süßen Düfte,
Wie seelenvoll durchzittert es die Lüfte –
Und du, mein Herz, wie bist du sehnsuchtsschwer.

Gustav Falke

 

 

 

Ich muß dein gedenken
Ich suche durch Mühen
Meine Gedanken
Von dir zu lenken,
Aber sie glühen
Zu dir ohne Wanken,
Ich muß dein gedenken!
Wie nach der Sonne verlangen die Reben,
Verlangt mich's nach dir, meine Sonne, mein Leben!

Friedrich Martin von Bodenstedt

 

 

 

Sieh', in dies dein theures Bildnis
Möcht ich mich so ganz versenken;
Könnt' ich, ach! dem Bilde doch
Athem, Leben, Sprache schenken!

Könnt' ich in die kalten Formen
Gluth und Blut und Liebe gießen,
Könnt ich diese lieben Hände
Heiß zu heißem Drucke küssen! –

Ach, ich kann es nicht. Es bleibet
Kalt und stumm in stolzer Ruh'!
Aber du bist gut getroffen:
Denn es ist so ganz wie du!

Ada Christen

 

 

 

Die sechste Stunde des Abends

Die Stunde, der ich sehnsuchtsvoll
Den ganzen Tag entgegen blickte,
Und die zur Göttin mich entzückte,
Wenn mir ihr letzter Schlag erscholl.

Die schlägt nun nicht für mich und Ihn
Zum Wiedersehn das Losungszeichen,
Und matt, wie welke Kranke, schleichen
Die traurigen Minuten hin.

Doch selbst in dieser Einsamkeit,
Dem Liebesgram so angemessen,
Sey [hättest du mich auch vergessen]
Dies Liedchen dennoch dir geweiht.

So fern du meinen Blicken bist,
So nahe bist du diesem Herzen,
So gegenwärtig, daß der Schmerzen
Der Trennung nur ein Traum noch ist.

Du holde Göttin, Phantasie,
Trägt mich auf ihrem raschen Flügel
Schnell über Wald und Thal und Hügel,
Und so – vermiß ich dich fast nie.

Was mir des Schicksals Macht entreißt,
Kann mein Gedankenflug ereilen.
Was ist ein Zwischenraum von Meilen?
Kaum eine Spanne für den Geist.

Gleich deinem Schatten folgt er dir
Zum Freudenfeste, zur niedern Hütte,
Und in der Assembleen Mitte,
Und spricht ein leises Wort von mir.

Selbst dann, wann du dich ungesehn
In deinem Stübchen einsam glaubest,
Und dir durch Wahn die Ruhe raubest,
Umgiebt er dich mit leisem Wehn.

Du wähnst dann, das Verdienst sey dein,
Und hältst es für Erinnerungen.
Das magst du! wenn's ihm nur gelungen,
Mein Angedenken zu erneun.

Gabriele von Baumberg

 

 


Auf meinen Lippen brennt dein Kuß,
er brennt wie Feuer und Sünde,
er brennt wie himmlischer Hochgenuß
und macht mich zum schwachen Kinde.

Viel wilde Rosen erblühn und glühn
und glühn und verwelken am Hage –
und der Wald ist duftig, der Wald ist grün
am leuchtenden Julitage ...

Vom Meer herauf die Sonne grüßt,
Tautropfen am Riedgras beben: –
wir haben uns kaum Willkommen geküßt
und sollen uns Abschied geben!

Und gehen sollst du, geliebter Mann,
mit all' dem zitternden Bangen,
mit der ungelöschten Glut hindann –
und durften uns kaum umfangen.

Wie lange währt es, so schwillt der Wein,
Im Felde die Sicheln klingen;
all', was da blühte im Sonnenschein,
wird reifen und Früchte bringen.

Die Luft wird kühl, und das Laub verdorrt,
Schnee liegt auf Hängen und Hagen …
wir aber werden von Ort zu Ort
die zehrenden Gluten tragen.

Clara Müller-Jahnke

 

 

 

 

Toter Wunsch

O wärst du gekommen, da sie dich rief!
Du hättest die Rose gefunden – sie schlief
Und träumte und träumte die ganze Nacht –
O wärst du gekommen – sie wäre erwacht!

Wie wär' ihr so süß, so süß geschehn,
Und mußte im eigenen Duft vergehn,
Und war doch so jung und heiß und rot –
O wärst du gekommen! … Nun ist sie tot …

Thekla Lingen

 

 

 

Da lieg' ich still und traure,
Mein Herz ist von Weh erfüllt!
Voll Sehnsucht denk' ich wieder
An ein entschwundnes Bild.
O, wärst du doch geblieben
Ein Engel zur Seite mir,
Ich wäre nimmer geworden
Der düstre Fremdling hier!

Christian Hoeppl

 

 

 

 

 

Die Sonne war wieder einmal am Ziel.
Wie ein Apfel, der golden ins Dunkel fiel,
So löste sie sich aus den Wolken los
Und sank den Hügeln in den Schoß.

Die Lerchen schliefen schon im Feld.
Wir gingen einsam durch die Welt
Mit Lippen und mit Wangen rot;
Die kannten weder Schlaf noch Tod.

Ein Vogel jählings schrie im Schlaf,
Sein Ruf uns beide schreckhaft traf,
Wie ein Gedank', der aufgewacht,
Einer, der Angst hat vor der Nacht.

Die Fledermaus, die kreuzte vorbei,
Und immer einsamer gingen wir zwei.
Der Wald und Acker schrumpften ein,
Und alles ward im Dunkel klein.

Wir fühlten plötzlich wunderbar,
Daß jeder Halm entschlummert war,
Und dachten beide darüber nach:
Warum bleibt stets die Sehnsucht wach?

Max Dauthendey

 

 

 

Arm in Arm von hinnen scheiden,
Wie wir Arm in Arm gelebt,
Hat als Ideal uns beiden
Einst im Glücke vorgeschwebt.

Und nun bist du fortgezogen,
Fort ins unbekannte Meer,
Und von allen Lebenswogen
Spült dich keine wieder her.

Über mir zusammenschlagen
Wird derselben Wellen Spiel,
Und dieselben Fluten tragen
Mich wie dich zum selben Ziel.

Irr' ich auch in jenen Weiten
Dann allein mit meinem Harm?
Ziehn wir durch die Ewigkeiten
Wieder selig Arm in Arm?

Albrecht Graf Wickenburg

 

 

 

Das Ideal

Doch hab ich meine Sehnsucht stets gebüßt;
ich ging nach Liebe aus auf allen Wegen,
auf allen kam die Liebe mir entgegen,
doch hab ich meine Sehnsucht stets gebüßt…

Es stand ein Baum in einem Zaubergarten,
von tausend Blüten duftete sein Bild,
doch eine leuchtete vor allem mild,
es stand ein Baum in einem Zaubergarten.

Und aus den tausend pflückte ich die eine,
sie war noch schöner mir in meinen Händen;
ich aber kniete, Dank dem Baum zu spenden,
von dem aus tausend ich gepflückt die eine.

Ich hob die Augen zu dem Zauberbaume,
und wieder schien vor allen Eine licht,
und meine welkte schon – ich dankte nicht;
ich hob die Augen zu dem Zauberbaume…

Doch hab ich meine Sehnsucht nie verlernt;
ich ging nach Liebe aus auf allen Wegen,
auf jedem glänzte mir ein andrer Segen,
drum hab ich meine Sehnsucht nie verlernt.

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 


Banges Erwarten

Am Erkerhaus hält stille Wacht
Ein altes Muttergottesbild,
Das lächelt mütterlich und mild,
Vom steingeschnitzten Baldachin
Gar traulich überdacht.
Mit Rosen ist das Bild umrankt,
Ein Lämpchen ihm zu Füßen schwankt
Im Winde hin und her.

Im Schatten, wo der Brunnen rauscht,
Steh' ich versteckt und harre bang –
Klang nicht ein Schritt im Treppengang,
Der in die enge Gasse biegt? –
Mein Herz zuckt auf und lauscht –
Kein Fenster klirrt, kein Haustor knarrt,
Nur meine Sehnsucht lauscht und harrt.
Wie tot die Gasse liegt!

Rotlich umspielt das Heil'genbild –
O Gottesmutter, lieb und gut,
Weißt du, wie weh solch Warten tut?
Das heiße Herz den Liebsten ruft,
Der Mund brennt sehnsuchtswild –
Und breiten sich die Arme weit,
Umfangen sie in Ewigkeit
Doch nur die leere Luft.

Ob er wohl gar gestorben ist?
Ich sah ihn schon so lang nicht mehr –
Doch träum' ich manchmal schwül und schwer,
Daß er nun eine andre küßt
Und meiner Liebe lacht –
Und lausche dennoch stundenlang
Am dunklen Tor auf seinen Gang
In Sehnsucht Nacht für Nacht.

Thusnelda Wolff-Kettner

 

 

 

 

Warum sind deine Augen denn so naß?

Warum sind deine Augen denn so naß?
Ich habe der Liebsten ins Auge geschaut,
So lange bis mir die meinen sind übergegangen,

Warum sind deine Wangen denn so blaß, so blaß?
Es sind die Rosen, die ich gebaut,
Vor Sehnsucht hinüber gewandelt auf ihre Wangen.

Friedrich Rückert

 

 

 

Heimfahrt einer einsamen Frau aus einer Gesellschaft

Einsam fährt sie im Wagen nach Haus,
das Fest ist aus.
Der Schwarm zertrieb …
Wer hat sie lieb?

Sie schaudert und friert.
Wie sich so alles hinweg verliert
ins Unabsehbare,
ins Unabsehbare.

Wo bliebt, Freunde, ihr?
Nur die Furcht sitzt neben mir.
Was seid ihr so weit!
Mein Herz schreit – schreit – schreit.

Ein Jeder mit seiner Lust,
ein Jeder mit seiner Pein,
jedes Herz in seiner Brust
allein, allein, allein.

O wilder Vogel Seele,
den nie einer fängt!
O wilder Vogel Seele,
der nie sein Herz an andre hängt!

Christian Morgenstern

 

 

 

Spät war und dämmrig die Stunde. Wir gingen
Einsam im Wald, und ich sah:
Licht losch im Westen mit zitternden Schwingen.
Ah!

Blieb nicht ein Wort, drauf der Abschied noch harrte?
Keines das Herz doch verstand;
Ob es denn keiner, nun da es erstarrte,
Fand?

Weben Gedanken, unruhig-verschwommen,
Still weint die Seele sich aus, –
Rasch sind die Sterne, die hellen, gekommen,
Harr aus!
(1858)

Afanassi Afanassjewitsch Fet

 

 

 

Sehnsucht

Du hast dereinst in heißen Stunden
Oft weinende, wünschende Sehnsucht empfunden,
Oft glühend begehrendes, drängendes Brennen,
Den ewigen Urquell des Seins zu erkennen
Und lichtgesättigt … erkennend vergeh'n …

Du hast oft dämm'rig verträumtes Weh'n
Und leises, lindlallendes Sehnen erfühlt
Nach mildem Balsam, der Wunden kühlt,
Nach schlummernder, stillender Friedensnacht …

Dann wolltest du duftende, klingende Pracht
Und ewiger Schönheit berauschende Flut
Und ewiger Liebe beglückende Glut …
Und immer hast du dich gesehnt und gequält
nach dem Einzigen, Einen, das immer dir fehlt',
Und hast dereinst in heißen Stunden
Oft weinende, wünschende Sehnsucht empfunden …

Das ist vorbei … du bist so stille!
Verstummt all dein irrender, rastloser Wille,
Verstummt ist das alte, süß-traurige Lied,
Das dich so oft gequält, gemüht,
Und endlich magst du glücklich sein!

Doch meine Seele seufzet: – Nein,
Mir ist so eisig, eisig kalt!
Ich wollt', sie käme wieder bald!
Das schmächtige, duftige, todkranke Weib,
Mit ewig verlangendem, bebendem Leib
Und ewig verlangenden, schmerzlichen Blicken …
Denn Schmerz und Verlangen ist höchstes Entzücken …
Und süßer Genuß sind todtraurige Lieder …
Ich sehne, ich sehne nach Sehnsucht mich wieder!

Lisa Baumfeld

 

 

 

Um Mitternacht

Nun ruht und schlummert alles,
Die Menschen, der Wald und Wind,
Das Wasser leisen Falles
Nur durch die Blumen rinnt.
Der Mond mit vollem Scheine
Ruht breit auf jedem Dach;
In weitem Wald alleine
Bin ich zur Stund' noch wach.
Und alles, Lust und Schmerzen,
Bracht' ich in mir zur Ruh'.
Nur eins noch wacht im Herzen,
Nur eins: und das bist du!
Und deines Bildes Friede
Folgt mir in Zeit und Raum:
Bei Tage wird er zum Liede,
Und nachts wird er zum Traum.

Julius Rodenberg

 

 

 

Notturno

Und immer die dunkle Stimme,
Die mich allnächtlich ruft –
Und immer der sterbenssüße,
Schwüle Narzissenduft –

Immer das müde Lächeln,
Das mir die Seele stahl,
Immer wieder die alte,
Brennende Heimwehqual.

Immer nur ein Gedanke –
Du – und nichts anderes mehr,
Himmel und Erde versunken –
Lieb' ich dich denn so sehr?

Ach, ich möcht' schlafen – entrinnen
Dieser unseligen Nacht –
Aber die dunkle Stimme
Ruft mich in jeder Nacht.

Leon Vandersee

 

 

 

 

Erfüllung

Daß du auch an meinem Herzen,
Herz, nur neue Sehnsucht fühlst
und dich in vergangne Schmerzen
schmerzlicher als je verwühlst:
ist das nicht Erfüllung. Du?

Wenn die Erde schmilzt vom Eise,
daß die Luft nach Frühling schmeckt,
und in immer neuer Weise
wild ihr Grün zum Himmel reckt:
ist das nicht Erfüllung, Du?

Wenn wir dann noch Ostern feiern,
weil ein Mensch sein Leben ließ,
der den Frevlern wie Kasteiern
gleiche Seligkeit verhieß:
ist das nicht Erfüllung, Du?

Laß die tragische Geberde,
sei wie Gott, du bist es schon:
jedes Weib ist Mutter Erde,
jeder Mann ist Menschensohn,
Alles ist Erfüllung, Du!

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

 

Die Sehnsucht peitscht

Die Sehnsucht peitscht mit scharfem Dorn,
Sie reitet mich wild
Und gibt mir den Sporn,
Und ob mein Herz streitet,
Sie macht mir die Hände zu Hufen aus Horn
Und rennt mit mir durch die Wände.

Die Sehnsucht, sie ist wie Salz im Meer,
Die Zunge wird mir bitter,
Und Durst klebt schwer
In Gaumen und Brust.
Und wie der Schaum auf Wellen lebt,
So mir die Sehnsucht am Munde schwebt.
Wie Wellen, die sich erdrücken müssen,
Erdrücken sich meine verlassenen Lippen
In Sehnsucht nach deinen Küssen.

Max Dauthendey

 

 

 

Erwacht

Warum hast du's angerufen –
Schlief es doch so fest und still!
Da es nun in mir erwachte,
Weiß ich nicht, was werden will!

Mit den großen Sehnsuchtsaugen
Schaut's in jeden Tag hinein…
Lieder sing' ich, müde Lieder,
Doch es schläft nicht wieder ein!

Anna Ritter

 

 

 

Bist du schön? Ich kann's nicht sagen,
Doch der reinsten Schönheit Licht
Will so leuchtend mir nicht tagen,
Als dein liebes Angesicht.

Mit der Anmuth Huldgeschenken
Hebst in unbekannter Macht
Du zur Schönheit all mein Denken,
Hab' ich auch nur dich gedacht.

Otto Roquette

 

 


Mein Herz als Mond verkleidet

Rühr' im Schlaf an deine Wangen,
Hangen Tropfen an den Kissen,
Du und ich allein nur wissen:
Unser Sehnen hat vereint
Heiß sich in den Schlaf geweint.

Ach, mein Herz wie's liebt und leidet!
Spür es leis als Mond verkleidet
Weiß an deiner Tür.

Sehnsucht muß mit hellen Händen
Noch im Schlaf dein Zimmer blenden,
Und die blanken Scheiben schicken
Blicke, die tags dunkel bleiben;
Wo sie ungesehen fielen,
Steigen Lichter aus den Dielen.

Schweigen müssen Uhr und Zeit,
Sehnsucht spielt auf blauen Geigen,
Und wie einst auf Märzenauen
Werden Balken in den Räumen
Wieder kühn zu Knospenbäumen.
Und auch taut im Mond wie Eis
Lautlos deines Spiegels Glas,
Will mir Heimlichkeiten zeigen,
Die der Spiegel nie vergaß,
Er, der zärtliche Vertraute,
Der nur lebt von deinen Augen
Und in deine Sehnsucht schaute.
Dicht an deinen weißen Wangen
Will ich deinen Atem fangen.
Was die Scham mir nicht gestand,
Küß ich aus dem Schlaf
der kleinen, zagen, zahmen Hand.

Rötet Morgen sich im Land,
Auf dem roten Dach der Welt
Tötet sich der Mond gelassen;
Und wer ahnt in lauten Gassen,
Daß, wo Sehnsucht hingestellt,
Sich noch nachts das Pflaster hellt,
Und mein Herz, als Mond verkleidet,
Nächtlich blinde Wünsche weidet.

Max Dauthendey

 

 

 

Die Parallelen

Warn einst zwei Parallelen, die liebten sich gar sehr,
sie liefen schon Wochen und Monde treu nebeneinander her.

Sie liefen durch Wüsten und Länder und über das blaue Meer.
Vergebens, ach vergebens! Ihr trefft euch nimmermehr.

Sie wollten schier verzweifeln vor Wehmut und vor Schmerz,
der einen wollte fast brechen das Parallelen-Herz.

Da sprach die andre tröstend: "Laß fahren Schmerz und Leid,
noch treffen sich Parallelen in der Unendlichkeit".

Verfasser unbekannt

 

 

 

Ach, hätt' ich früher dich gesehn

Ach, hätt' ich früher dich gesehn
Und wär's 'ne einz'ge Stund',
Wollt' segnen diesen Augenblick
Noch mit erblaßtem Mund.

Ach, hätt' ich früher dich geliebt,
Du reines Seelenlicht,
Fürwahr, der Engel schönes Los,
Beneidete ich nicht.

Ach, hätt' ich früher dich geliebt,
Und wär's auch nur im Traum,
Hing meiner Hoffnung Blütenkranz
Nicht welk am Lebensbaum.

Johanna Ambrosius

 

 

 

Zuweilen werde ich bei dir sein

Zuweilen werde ich bei dir sein,
so still und leise wie ein Duft.
Du siehst ihn nicht, du hörst ihn nicht,
und dennoch küßt er deinen Mund

Und weckt dir alle Sehnsucht.
Du wirst nicht wissen, was geschieht,
auf einmal bin ich ganz dein Herz,
auf einmal bin ich ganz dein Lied.

Alfons Petzold

 

 

 

Meeraugen

Was will in deinen Augen doch
dies trauervolle dunkle Weh,
so tief und sehr?
so still und schwer
wie die Stürme, die schlafen gingen
im Schooß der grauen See.

Versinken will, versinken stumm
in dieser Augen müden Schooß
mein Herz – und will
wie Du so still
und schwer in Dein Herz tauchen
und reißen die Stürme los!

Und will sich wiegen so mit dir
in rasender lachender Seligkeit
auf freiem Meer, –
bis tief und sehr
die Wogen wieder ruhen,
verstürmt dein dunkles Leid.

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

Die Sehnsucht

Wo sie nur wohnt? Ach, immer im Süßen,
Über den Bergen, im andern Tal,
Wo der Sterne goldener Strahl
Aufsteigt und hinstirbt in zitterndem Grüßen.

Was sie nur tut? An verborgenen Fäden
Zieht sie dein Herz in ein Zaubergefield,
Aufwärts, zu Firnglanz und Wolkengebild,
Höherhin, weiter, in Traumwelt und Eden.

Trifft dich das Los, daß ihr Faden zerreißet,
Stehst du traurig und schaust umher,
Findest die Welt und dich selber leer
Und fühlst tiefer, was Mensch sein heißet.

Jakob Boßhart

 

 

 

 

Sehnsucht

Kennst du der Sehnsucht Schmerzen
Tief im Herzen?
Ein glühend Verlangen,
Ein ewiges Bangen,
Ein ewiges Streben!
Wie Qual und Lust
So still in der Brust
Mit tiefem Beben
Sich innig verweben!
Weit in die Ferne,
Himmelwärts,
In den Kreis der Sterne
Sehnt sich das Herz.
Ein schöner Morgen
Bricht glühend heran;
Doch der Liebe Sorgen
Zerstören den Wahn.
Ach, dass es doch bliebe,
Dies Paradies!
Der Wahn der Liebe
Ist gar so süß.
Es ist der Gottheit lebendiger Strahl,
Und das Leben entflieht mit dem Ideal.

Karl Theodor Körner

 

 

 

Die Sehnsuchtsthräne

Bänglich wird mir, und der Minne
Leiden wachen auf in mir; –
Rinne, warmes Thränchen, rinne,
Sieh, noch viele folgen dir.

Warum weilet ihr so lange
An den Augenwimpern mir?
Ist euch zu versiegen bange,
Ach, nicht abgeküßt von ihr?

Rinnet immer, holde Kinder
Meiner Sehnsucht, rinnt herab!
Ach, sonst fließt ihr einst, noch minder
Kußgewärtig auf ihr Grab!

Johann Aloys Blumauer

 

 

 

Das warst Du

Der Morgen kam auf rosichtem Gefieder
Und weckte mich aus stiller Ruh',
Da wehte sanft Begeist'rung zu mir nieder,
Ein Ideal verklärte meine Lieder,
Und das warst Du!

Bald aber warf in heißer Mittagsschwüle
Die Sonne ihre Glut mir zu;
Da schwoll die Brust im höheren Gefühle,
Mein ganzes Streben flog zu einem Ziele,
Und das warst Du!

Doch endlich wehte den durchglühten Fluren
Der Abend süße Kühlung zu,
Und nur ein Bild in duftigen Konturen
Umschwebte mich auf leisen Geisterspuren,
Und das warst Du!

Und aus dem Meer kam die Nacht gestiegen,
Und lockte mich zur süßen Ruh',
Da träumt' ich, hold an süßer Brust zu liegen,
In eines Mädchens Arme mich zu wiegen,
Und das warst Du!

Doch ach! das schöne Bild ward mir entrissen,
Die Welt der Träume schloß sich zu!
O laß mich wachend jetzt das Glück genießen;
Dann ruf' ich laut, durchglüht von deinen Küssen:
Ja, das warst Du!

Karl Theodor Körner

 

 

 

Du sagst, du liebst; es klingt jedoch
Keuscher als die Nonne könnte,
Die für sich die Vesper liest,
Da die Glocke tönte –
O lieb mich wirklich!

Du sagst, du liebst; doch lächelst du
Kalt wie die Septembersonne,
Als hieltst du grad Fastenzeit
Als Sankt Cupidos Nonne.
O lieb mich wirklich!

Du sagst, du liebst – dein Mund jedoch
Lehrt korallenrot Genüsse
Wie's Korallenriff im Meer –
Nie spitzt er sich zu Küssen –
O lieb mich wirklich!

Du sagst, du liebst; doch deiner Hand
Ist kein zartes Drücken lieber,
Wie die der Statue ist sie, tot –
Nur meine brennt im Fieber –
O lieb mich wirklich!

O hauche ein, zwei Wort voll Feuer!
Lächle, und dies Wort durchglüh mich,
Drück, ganz Liebende – O küß
Und in dein Herzgrab zieh mich!
O lieb mich wirklich!

John Keats

 

 

Sterne und Blumen,
Blicke, Atem,
Töne!
Durch die Räume ziehen,
ein Ton der Liebe.
Sehnsucht!
Mit verwandten Tönen
sich vermählen,
glühen,
nie verhallen
und die Blumen
und die Sterne lieben.
Gegenliebe!
Sehnsucht!

Adelbert von Chamisso

 

 

 

Posthornklang

Das Posthorn spannt die Flügel
Des Klanges freudig aus,
Es schmettert von dem Hügel,
Vorüber meinem Haus.

Vorüber in blauen Lüften
Die weißen Straßen entlang,
Es weckt in fernen Klüften
Des Echos goldnen Klang.

O nimm mich mit im Fluge,
Du Sänger meiner Qual,
Nimm mit auf deinem Zuge
Mich in das ferne Tal!

Dein Klingen soll mich tragen
Zu jener alten Stadt,
Wo mich in Jugendtagen
Mein Lieb erwartet hat.

Dort zittre von der Brücke
Bis vor ihr Haus der Schall,
Wie von dem alten Glücke
Der letzte Widerhall.

Alexander Julius Schindler

 

 

Amselpaar

Da fliegt ein schwarzer Vogel auf,
Ein schwarzer Vogel fliegt dazu;
Das ist des Lebens süßer Lauf –
Die ganze Welt ist du und du.

O du mein armes Vögelein
Im ungesellten Neste dort,
Wann werden wir beisammen sein,
Und fliegen auf und fliegen fort?

Geduld, Geduld; die Zeit vergeht,
Doch kommt sie auch! Das ist mein Trost;
Und wenn das Herz nicht stille steht,
Die Zeit hat keinen Rost!

Ferdinand Kürnberger

 

 

 

Verlorene Sehnsucht

Ich wäre gern ein schlichter Mann geworden,
Der starken Anmut lebensfrohes Bild,
Ich wäre gern ein schlichter Mann geworden,
Mit einer Seele sonnenklar und mild.

An eines stillen Stromes grünen Borden
Hätt' ich das Leben gerne süß verträumt,
An eines stillen Stromes grünen Borden
Die wilde Lust, die wilde Qual versäumt. –

Ich wäre gern ein schlichter Mann geworden…

Felix Dörmann

 

 

 

Und kommst du nicht am Tage

Und kommst du nicht am Tage,
So komm im Traum zu mir;
Gewiß, gewiß ich sage
Dir tausend Dank dafür.

Komm immer so wie heute,
Da ich entschlummert kaum,
Wie holdes Brautgeläute
Erklang mein ganzer Traum.

Wohl sind noch meine Lider,
Wenn ich erwache, feucht –
Doch komme immer wieder,
Vor Glück weint' ich vielleicht.

Ich fleh' es, wie mit Kosen
Der Nachtigall Gebet
Vom jungen Frühling Rosen
In kalter Nacht erfleht.

O komm mit aller Plage,
Die du mir schon gebracht,
Und kommst du nicht am Tage,
So komm im Traum der Nacht.

Moritz Hartmann

 

 

 

Liebesruhe

Was heißest du mich Lieder dichten,
Wie ich vor Zeiten sang vor dir?
Auf nichts mehr hab ich zu verzichten,
Und alle Wünsche schweigen hier.
Wer möchte, wenn in Frühlings Räumen
Der Blüten Pracht ihn hold begrüßt,
Hinaus sich in die Ferne träumen,
Wo keine Blüte sich erschließt.

Ach, ungerufen kommt die Stunde,
Und immer einst zu früh heran,
Da ich, getrennt von deinem Munde,
Der Lieder Tröstung brauchen kann.
Versingen will ich dann die Schmerzen,
Rückträumen mich in diese Zeit.
Die Sehnsucht nur wohnt in dem Herzen,
Darin der Liebe Saat gedeiht.

Jetzt aber will ich nicht ins Weite,
Nicht schweifen über Berg und Au'n,
Jetzt laß mich ruhn an deiner Seite,
Und laß mich dir ins Auge schaun.
O küsse mich und küsse wieder,
O sinne nicht und grüble nicht.
Was wollen dort die armen Lieder?
Uns ward das Leben zum Gedicht.

Franz Kugler

 

 

Rosette

An Rosettens Blicken hangend,
Schmachtend, seufzend und verlangend,
Fleh ich mit vergebner Müh:

"Kannst du ewig meine Klagen,
Meinen Tränen dich versagen?
Lohnst du meine Treue nie?"

Aber immer unbeweglich
Hört das kalte Mädchen täglich
Meine Seufzer an und spricht:

"Hoffnung nährt allein die Liebe!
Glaub, ich teilte deine Triebe,
Wünscht ich ihre Dauer nicht!"

Heinrich Christian Boie

 

 

 

Ich hab' mit Dir noch nie allein gesprochen,
Du sahst noch niemals tief in mein Gesicht,
Kennst nur die Narrenmaske, aber nicht
Die Seele, die dahinter ist zerbrochen.
Wie ein geschlagner Hund ist sie verkrochen,
Den Blick zur Erde wie ein Bösewicht,
Und will doch nichts als Liebe, Geist und Licht –
Die arme Seele, die mir fast zerbrochen.
Da ist in ihr verfrostet Einsamsein
Dein junger Anhauch sündhaft eingedrungen,
Da fühlte ich: es schmilzt in mir der Stein,
Der mich hinunterzog zu Niederungen.
Wir waren noch zusammen nie allein –
Und doch ist dieses Wunder Dir gelungen.

Anton Wildgans

 

 

 

Erwartung

Nicht kann ich es fassen, daß du mich verlassen,
Soviel auch der Tage kommen und gehn!
Im Abenddunkel, im Morgenschimmer
Noch harre ich gläubig, noch hoffe ich immer,
Dich reuig wiederkehren zu sehn.

Und wärst du verdorben, verkommen, gestorben,
Und ließe das Grab dich nimmer herfür;
Ich hörte allnächtlich oft dennoch dein Pochen,
Als kämest du wieder, enttäuscht und gebrochen –
Als stündest du bittend vor meiner Tür.

Maximilian Bern

 

 

 

Die Sehnsucht trinkt

Der Abend dämmert auf. Ich bin allein.
Ach! bring mich du mit einem Hauch zur Ruh.
Ich lausche, fühle, jauchze: "Du bist mein."
"Mit Willen dein!" haucht auch dein Herz mir zu.

Ich dürste nach schwerem rotem Wein,
Der warm und wahr die dunklen Räume sprengt.
O Liebe, schenk dich mir, o schenk dich ein!
Ich schenke mich, bis restlos ich verschenkt.

Du kommst mit Glockendreiklang: "Ich bin dein"…
Hörst du das Echo, das sich aus mir schwingt?
"Dein war ich, bin ich und dein werd ich sein!"
Getrennt und doch beglückt. Die Sehnsucht trinkt.

Paul Ernst Köhler

 

 

Frage

Ich frage Dich: Sag' mir das Rätsel des Lebens,
Sag' mir des Seins und der Sehnsucht Sinn!
Ist alles Sehnen und Streben vergebens?
Kannst Du mir künden: "Woher?" und "Wohin?"

Ich klopfte an allen Toren der Erde.
Bis zu den Sternen stieg ich empor.
Am Leib erlebt' ich das "Stirb und Werde".
Die Seele sang mit den Engeln im Chor.

Ich hab' mit Dämonen um mich gestritten
Und mit dem Dämon in eigener Brust.
Ich hab' mich gemüht, ich habe gelitten,
Wie's keinem, auch keinem ward bewußt.

Da kamst Du, Mensch gleicher Sehnsucht, gegangen,
Der Du selber gekämpft bis aufs Blut.
Wir sahen uns nackt, – kein Fetzen blieb hangen –,
Wir beide wissend, wie Leben tut.

Karl Ernst Knodt

 

 

 

Du bist so weit!

Du bist so weit, daß ich dich nimmer finde,
du bist so fern, daß ich dich nimmer seh',
bang ruf' ich deinen Namen in die Winde,
vor lauter Sehnsucht tut das Herz mir weh.

Die Stunden rinnen, und die Tage fließen,
einsam und müde schreit' ich durch den Hag –
ich möcht' nur immer meine Augen schließen,
ich möchte schlafen bis zum jüngsten Tag.

Doch wenn du wiederkämst, weil du es müßtest,
und deine Stimme träfe weich mein Ohr,
wenn du ganz leise meine Lider küßtest –
ich schrecke wohl aus tiefstem Schlaf empor.

Und höb' die Hände auf, um dich zu grüßen
noch einmal mit des Glückes Flügelschlag –
und würde lächelnd dann die Augen schließen
und schlafen – schlafen bis zum jüngsten Tag…

Leon Vandersee

 

 

 

Wenn nächtens du…

Wenn nächtens du den kleinen Schuh
Von deinen Füßen streifest
Und in die braunen Haare du
Mit lichten Händen greifest,

Und lächelnd vor dem Spiegel dann
Dein Häubchen festzustecken:
Fällts dich nicht manchmal plötzlich an
Wie heimliches Erschrecken,

So daß du eilig Hals und Brust
Verbirgst in den Gewanden,
Dieweil du meinst, ich wäre just
Still hinter dir gestanden?

Denn wenn im dunklen Schoß der Nacht
Die Dinge versanken,
Dann wandern zu dir glutentfacht
Die schwärmenden Gedanken;

Dann brennt mein Blut in wildem Leid,
So daß ich oftmals wähne,
Du fühltest in der Einsamkeit,
Wie ich nach dir mich sehne.

Hans Demetrius

 

 

Sehnsucht

Das macht der duftige Jasmin,
Daß ich nicht Ruhe finde,
Die Nachtgedanken der Sehnsucht ziehn
Hinaus und schweifen im Winde.
Ob eine Seele wohl mein gedenkt
In all der blühenden Runde?
Ich hätte gar bald mein Herz verschenkt,
So einsam ist die Stunde!

Wie Silber liegt der Mondenschein
Über den schweigenden Gärten. –
O ging es jetzt in die Welt hinein
Mit einem lieben Gefährten!
O kämst du, Einziger, her zu mir,
Zu mir in Nacht und Schweigen!
Und führtest die Einsame fort von hier, –
Für immer wär ich dein Eigen!

Max Kalbeck

 

 

 

 

Sommerabend

Ob das des Sommerabends Wesen ist?
Die offene Seele lauscht dem dunklen Lied,
Das eine Nachtigall vor Sehnsucht weint,
Und eine Grille geigt verliebt im Ried.
Ich hauche: Kommt denn niemand, der mich küßt?

Ob das des Sommerabends Wesen ist? …
Die Liebe lockt: "Gib dich mir ganz! Gib! Gib!" …
Der letzte Laut erstirbt. Heimlich geeint
Hat sich der Liebste traulich mit dem Lieb …
Zu mir allein kommt niemand, der mich küßt.

Paul Ernst Köhler

 

 

 

Im Konzert

Wir lauschten gleicher Harmonie
Mit gleich gestimmten reinen Sinnen.
Ach, konnten denn die Herzen nie
Den gleichen Ton und Schlag gewinnen?

Doch tief und tiefer sinket schon
Der Geist in träumendes Erinnern,
Vernimmt statt Horn- und Flötenton
Nur noch das Schmerzenslied im Innern.

Die Töne schweigen, und zu Zwein
Verlassen Glückliche die Schwelle:
Ich geh allein, sie geht allein,
Ein jedes nach der öden Zelle.

David Friedrich Strauß

 

 

 

Aber mit einem Male erstrahlen
Tage der Nähe wie selige Segel,
Die auf dem Blau des Wassers sich malen.
Aber der Glückliche kennt nur Beharren.
Ach, er vergaß ganz die Sehnsucht der Tage
Gestern und vorher, die Jahre gehegte.
Ach, ihm erstarb ganz die brennende Frage
Wann? Und er sieht die Errettung verweilen,
Aber vom Glück?! – Und träumend entgleiten
Sieht er die Tage, die Segel enteilen
Silbern hinaus in verfließende Weiten.

Maria Luise Weissmann

 

 

 

An Marie

Du bist wie eine Dusche
So fein, so rein, so kalt,
Du bist wie eine Dusche
In einer Badeanstalt.

In deiner Näh ergreift mich
Der Liebe Allgewalt
Doch du – es überläuft mich –
Du bleibst so rein, so kalt.

Ich stammle: Ach Mariechen!
Vergeh' vor Liebe fast –
Du streichst den Mops, das Viehchen,
Das du so gerne hast.

Ich murmle was von Sehnen,
Von heißter Herzensglut –
Du unterdrückst das Gähnen
Und reichst mir meinen Hut.

Leb' wohl! Ich geh' nach Hause,
Ich lasse dich allein,
Du bist wie eine Brause
So kalt, so fein – so rein.

Verschnupft an Haupt und Herzen
Trag' ich mein tiefes Weh
Und denke dein mit Schmerzen,
So oft ich baden geh'!

Otto Müller

 

 

Noch lange stand ich wortlos, wie gebannt,
wie lauschend jener andern fernen Welt –
ihr woget zauberhaft rings um mich her
wie meiner Sehnsucht unermeßlich Meer.

Ich muß dich fassen mit der Sehnsucht Macht,
wenn ich mein Selbst aus dir will wiederfinden –
es ist durch dich ein Ton in mir erwacht,
auf den ich lange, lange, lang geharrt.

Luise Baer

 

 

 

 


Ein Liebeslied

Ich möchte Dir streicheln die Hände,
Doch Du bist ja nicht hier.
Ich möchte Dir küssen die Hände,
Warum bist du nicht hier?
Ich möchte mit Dir plaudern
Von alter, alter Zeit –
Ich bin so einsam geworden,
Und Du bist weit – weit!

Paul Scheerbart

 

 

 

Ziellose Liebe

Die wüsten Wasser durchschneidet der Kiel.
Wohin ich fahre – mein fernes Ziel,
ich kenne es nicht, und die Nacht so schwer
und so dunkel – das Leben so dunkel und leer. –

Ein Licht am Ufer – der Sapphosprung!
Da steigt sie auf, so leuchtend und jung,
ich seh ihre ragende Lichtgestalt –
ihr letzter Sehnsuchtsschrei verhallt.

Die Liebe, die Liebe – einziges Ziel,
mit ihr alle Stürme Kinderspiel.
Der Sappho Schrei, wie lange vergellt.
Am Felsen der Sehnsucht alles zerschellt!

Hermione von Preuschen

 

 

 

Es sprechen Manche: sie hätten's nicht.
Da erwidere ich: das ist mir leid.
Ersehnst du es aber auch nicht,
das ist mir noch leider.
Könnt ihr es denn nicht haben,
so habt wenigstens ein Sehnen danach!
Mag man auch das Sehnen nicht haben,
so sehne man sich doch wenigstens nach der Sehnsucht!

Meister Eckhart

 

 

 

Meine Sehnsucht…

Meine Sehnsucht ist ein dunkles Boot,
Löst vom Strande sich im Abendrot.

Deine Schönheit ist ein weißer Schwan,
Mondenschimmer ruht auf seiner Bahn.

Einmal findet auf der Hohen Flut
Boot zu Schwan. – Und dann ist alles gut….

Ernst Goll

 

 

 

Sehnsucht

O meiner Heimat goldne Einsamkeit,
du Jugendeiland, grün und still und weit,
darin die Märchen meiner Kindheit gehen –
einmal nur möchte ich dich noch wiedersehn!

Einmal nur möchte ich wandern Hand in Hand
mit meiner Liebe durch das ferne Land –
du Seele, die ein Gott für mich erschuf,
hörst du daheim den bangen Sehnsuchtsruf?

Leon Vandersee

 

 

Im Glanze deines Angesichtes

Im Glanze deines Angesichtes
Ward meiner Sehnsucht Mond erhellt.
Am milden Strahle deines Lichtes
Erblühte meine inn're Welt.

Du bist zur Sonne mir geworden,
Die immer scheint und freundlich lacht,
Die wie die Sonn' im hohen Norden
Auch scheint in später Mitternacht.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

 

 

 

Am Kamin

Die Glut erlischt. Schon halb im Dunkel
sieht man ein dünnes Flämmchen lohn.
So schlägt mit den lasuren Flügeln
Ein Falter auf dem Purpurmohn.

Verwirrend bunte Wesen treiben,
Den müden Blick sie lockend narrn;
Gesichter, die ein Rätsel bleiben,
Fremd aus der grauen Asche starrn.

Vergangnes Glück, vergangne Trauer
Vereint und zärtlich wiederkehrt,
Die Seele lügt, daß ihr nichts gölte,
Was sie am schmerzlichsten entbehrt.

Afanassi Afanassjewitsch Fet

 

 

 

Nichts weiter wird geschehen

Die Fenster stehen sommerheiß
Und müssen den Stunden nachsehen,
Die draußen vorübergehen.
Der Stunden Füße sind leis'.

Durch die stillen Fenster im Haus
Sieht die Zeit herein und hinaus,
Und nur der Verliebte weiß:

Nichts weiter wird geschehen,
Wie die Zeiten sich auch drehen,
Alles Blut geht im Kreis,
Und rund um die Lieb' geht der Stunden Reis'.

Max Dauthendey

 

 

 

 

H.S.

Wenn Deiner Lieder dunkelwarme Laute
Wie Glockentöne weich ans Herz mir drangen,
Bis meiner Seele starre Hüllen sprangen
Und Thrän' auf Thräne trotzig niederthaute,

Und wie ich dann in wonnig-süßem Bangen,
In heiliger Scheu zu athmen kaum mich traute,
Nach Deinen Lippen sehnsuchtsvoll nur schaute
In unersättlich seligem Verlangen –

O, wer vergäße jemals dieser Tage,
Wo sich Natur und Kunst so schön verbunden,
Wo leis' und leiser klang die tiefe Klage,

Und milder schmerzten ewig-off'ne Wunden,
Wo sich gestählt mein Herz, das lebenszage,
Für neuer Kämpfe schicksalsschwere Stunden.

Felix Dörmann

 

 

 

Die Blume starb auf eis'gen Feldern,
Mein einsam Herz ist dumpf und schwer,
Ich bin ein Adler in öden Wäldern,
Eine arme Möwe auf wüstem Meer.

O laß den Frühling wieder tönen,
Du lieber Gott, und meinen Sinn –
O tröste ihn mit einer schönen
Ja Möwin oder Adlerin.

Georg Weerth

 

 

 

Aus der Ferne

Auf schnellem Fittig ist die Zeit verschwunden
Unwiederbringlich! – Nur Erinn'rung lebt,
Ein schöner Traum, von Nebeldunst umwebt,
ein heiliges Vermächtnis jener Stunden.

Heil mir, daß ich der Tage Glück empfunden,
Daß kühn mein Herz zu stolzen Höhen strebt.
Dein Bild ist's, das so freundlich mich umschwebt.
Ach! wär' ich frei und wär' ich nicht gebunden!

Du strahlst mir in des Aufgangs Rosengluten,
Ich sehe dich im Sternensaal der Nacht,
Dich spiegeln mir des Teiches Silberfluten,
Dich zaubert mir des Frühlings reiche Pracht,
Sanft murmelt's mir im klaren Wasserfall,
Und deinen Namen ruft der Widerhall.

Karl Theodor Körner

 

 

 

Ein kleines Abenteuer schienst du mir.
Du kamst, ich nahm dich und empfing von dir,
Was jemals schleudernd eine Frau verschenkte,
Die all ihr Sein in ihre Liebe senkte.
Und ich genoß, ein alternder Galan,
Geschmeichelt-zärtlich deinen jungen Wahn,
Nahm dir die wilden Küsse gern vom Munde
Und lebte zeitvergessen in der Stunde…
Der Rausch war kurz. Ein Abend kam herauf.
Ich deckte dir mein breites Lager auf
Und staunte, daß zum Tee das Wasser kochte,
Eh' deine Hand wie sonst ans Türkreuz pochte.
Und als ich dann des Nachts alleine schlief,
War mir's, als ob mich deine Stimme rief,
Und eine Sehnsucht ging durch meine Träume,
Wie Frühlingswinde durch entlaubte Bäume.
Am andern Tag kauft' ich zum Mittag ein:
Dein Lieblingsessen und Tokayerwein.
Ich stand am Fenster, rief dich, brummte Flüche,
Und schickt' die Speisen wieder in die Küche.
Ein Brief kam an – dein Duft und deine Hand.
Ich wußt', noch eh' ich las, was drinnen stand.
Auf meinen ›unsern!‹ Diwan sank ich nieder
Und schob dein Tuch beiseite und dein Mieder…
Nachher im Spiegel schien ich krank und alt.
Im Aschennapf lag die Zigarre – kalt.
Ich pfiff und gab dem Stummel neues Feuer. –
Es war ja nur ein kleines Abenteuer.

Erich Mühsam

 

 

 

Das Weib mit rosigem Mund
begann den Leib zu recken,
Wie sich die Schlange dreht
auf heißem Kohlenbecken,
Und in den Schnürleib fest
die Brüste eingezwängt,
Sprach diese Wort sie,
von Moschus ganz durchtränkt:
"Mein Mund ist rot und feucht,
und auf des Lagers Kissen
Kann alle Tugend ich
und alle Wahrheit missen.
Die Tränen trockne ich
auf meines Busens Pracht,
Mach' Alte fröhlich,
wie man Kinder lachen macht.
Wer ohne Hüllen schaut
des nackten Leibes Wonnen,
Dem ist der Mond verlöscht und
Himmelswelt und Sonnen!
Ich bin, mein Weiser,
so geübt in Wollustglut,
Daß tödlich fast dem Mann
wird der Umarmung Wut,
Und wenn ich meinen Leib
den Küssen überlassen,
Die frech und schüchtern mich
und zart und roh erfassen,
Dann ueber meinem Pfühl,
der sich vor Wonne bäumt,
Ohnmächtiger Engel Schar
von meinen Reizen träumt."

Charles Baudelaire

 

 

 

Jünglings Sehnsucht

Möchte von dannen
dies Sehnen bannen!
Weiß nicht, was thun ich will!
Weiß nicht, ob ruhn ich will!
Jetzt Alles tragen
und stolz verzagen,
jetzt Alles wagen
und zu ihr jagen!
Ein unstät Rasten
all mein Thun,
ein zaudernd Hasten
mein Wille nun!
Möchte von dannen
dies Sehnen bannen:
ach, aber bin
so glücklich drin! –

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

Ich geb' Dir einen Namen, süß wie Wein –
Gleich einer Beere schmiegt er sich im Munde,
Auf der sich manche milde Sonnenstunde
Verträumte in die Dämmerung hinein.
In diesem Namen warst Du immer mein,
Solang' ich meine Sehnsucht mir erkunde,
Und alles Wehgeschlagene und Wunde
Heilte der Glaube an Dein Nahesein.
Ich kenn' Dich gut, Du bist mir oft begegnet,
In vielen Wesen aufgeteilt: oft nur
In einem Aug', von Tränen überregnet,
In einer leise eingekerbten Spur
An liebem Mund, in einem Beben nur
Von Händen, die mir meine Not gesegnet.

Anton Wildgans

 

 

 

Abschied

War unersättlich nach viel tausend Küssen,
Und mußt mit einem Kuß am Ende scheiden.
Nach herber Trennung tiefempfundnem Leiden
War mir das Ufer, dem ich mich entrissen,

Mit Wohnungen, mit Bergen, Hügeln, Flüssen,
Solang ich's deutlich sah, ein Schatz der Freuden;
Zuletzt im Blauen blieb ein Augenweiden
An fernentwichnen lichten Finsternissen.

Und endlich, als das Meer den Blick umgrenzte,
Fiel mir zurück ins Herz mein heiß Verlangen;
Ich suchte mein Verlornes gar verdrossen.

Da war es gleich, als ob der Himmel glänzte;
Mir schien, als wäre nichts mir, nichts entgangen,
Als hätt ich alles, was ich je genossen.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

Nächtlicher Gang
   
Still ist die Nacht, die toten Gassen schweigen
und einsam hallt mein müder Schritt.
Die Sehnsucht kam und löst' mich aus dem Reigen
und nahm mich mit.

Fern hör' ich noch die hohen Geigen singen
zum tollen Tanz,
die Menschen lachen, und die Becher klingen
beim Mummenschanz. –

Die Nacht ist still; es jauchzen tausend Lieder
im Herzen mir –
und doch mir eins und immer eines wieder:
Das Lied von dir. –

Bruno Ertler

 

 

 

Weil ich mein Wesen so mit Härte gürte,
Glaub' nicht darum, daß ich aus Härte bin!
Tief ruht in mir ein mildgewillter Sinn,
Den nur der rechte Zauber nie berührte.
Wirf einem, der die Hand nach heiliger Myrte
Sich auftun hieß, Unkraut und Dornen hin
Und reich dem Durste Wein, wo Galle drin –
Dies ist das Leben, das ich immer führte.
Von Angefaultem ward mir Übermaß
All meine Zeit. Was immer mir verfiel,
War nicht mehr rein und trug in sich den Fraß,
Kaum gut genug für ein betäubtes Spiel.
Doch bloße Lust ward immer noch zu Haß,
Und ich will Freude! – Gib, Du hast so viel.

Anton Wildgans

 

 

Sehnsucht

Einen höchsten Berg hatt' ich erstiegen,
weithin blaute uferloser Tag,
große, fremde Vögel sah ich fliegen,
sonnenwärts mit raschem Flügelschlag.

Nehmt mich mit! Ich kann nicht höher steigen,
zu den Sternen führt kein Weg empor.
Euch doch sind die seligen Weiten eigen!
– Aber schon verhallte fern ihr Chor.

Abwärts stieg ich unter Wäldersausen,
Bäche stürzten neben mir zu Tal:
Immer hört ich nur das mächtige Brausen
dieser Schwingen, hört es mir zur Qual.

"Bleibe nur in deiner stillen Hütte,
wo ein kleines Glück dir aufgetischt,
und auf deines Herdes Feuer schütte
neue Kohlen, daß es nicht erlischt."

Aber immer treibt es mich nach oben,
endlos kuppelt sich das Himmelsdach,
und die Arme sehnsuchtsvoll erhoben,
weint mein Herz den großen Vögeln nach.

Gustav Falke

 

 

 

Ich lieg' im tiefen Schachte,
Ein rother Edelstein,
Von Nacht bedeckt und schmachte
Zu glühn im lichten Schein.

Da droben geht die Sonne,
Ich träume manch Gedicht
Von ihrer Strahlenwonne –
Sie aber sieht mich nicht.

Emanuel Geibel

 

 


Die Schwalbe

Nur hie und da noch Lampenschein
In einem Schlafgemacht;
Nur hier und da noch schleicht zum Frei'n
Ein Kätzlein über's Dach.
Im West statt rother Abendgluth
Erglänzt ein falber Strich;
Die Nacht ist still und alles ruht.
Warum nicht ich?

Auch Dir, mein Lieb, auf's Augenpaar
Des Traumes Schleier sinkt,
Auf Deines Fensters Scheiben klar
Der Schein des Mondes blinkt.
Der Mondschein und der Sternenschein
Umgaukeln kosend Dich;
Sie sind bei Dir im Kämmerlein
Warum nicht ich?

Doch dürft' ich schleichen, liebes Kind,
Zu Dir nun ungesehn,
Ich fürchte fast, es wär' geschwind
Um Deine Ruh' gescheh'n!
Und dennoch gern, ach, gar zu gern
Zu Dir ich heute schlich.
Dich küßt der Mond. Dich küßt der Stern,
Warum nicht ich?

Emil Rittershaus

 

 

 

So schreit meine Seele

Das Abendrot zerlodert im Moore,
Die Dämmerung spinnt die Seide ein,
Aus dunkelblauem Abendhimmel
Hör ich die wandernden Kraniche schrei'n.

Sie schrei'n so wild, so heiß, so hungrig
Nach ihrer Heimat weit von hier,
So schreit meine Seele hungrig und bange,
Bist du nicht bei mir, immer nach dir.

Hermann Löns

 

 

Einsame Mädchen

Gar viele Lieb' ist in der Welt,
Die ihren Herrn nicht kennet,
Die ungenützt ohn' Ziel und Zelt
Für sich allein verbrennet.
Soviel auch dran vorübergehn,
Die Herd und Herz begehren,
Nicht einer hat sich umgesehn
Und brachte sie zu Ehren.

Bleibt Liebe so von Lieb' getrennt,
Gesellt sich ihr das Sehnen.
Statt daß der Mund von Küssen brennt,
Brennt dann das Aug' von Tränen.
Die arme Liebe zückt und loht,
Eh Asche sie begraben:
Mein Herz ist jung, mein Herz ist rot
Und niemand will es haben!

O Gott, wie durfte das geschehn,
Ein Herz so heiß zu machen,
Dran alle doch vorübergehn,
Die süß bei andern lachen!
Ein Licht, das keinen Leuchter find't,
Ein Herd, der ohne Gäste,
O wären nie sie angezünd't,
Ich mein', das wär das beste!

Georg Busse-Palma

 

 

 

Schwere Träume

Das war mir eine schwere Nacht,
Das war ein Traum von langer Dauer;
welch weiten Weg hab ich gemacht
Durch alle Schrecken, alle Schauer!

Der Traum, er führt' mich an der Hand,
Wie den Aeneas die Sibylle,
Durch ein avernisch dunkles Land,
Durch aller Schreckgestalten Fülle.

Was hilft es, daß die Glocke rief
Und mich geweckt zum goldnen Tage,
Wenn ich im Innern heimlich tief
Solch eine Hölle in mir trage.

Ludwig Uhland

 

 

 

Nähe

Ich tret' in deinen Garten;
Wo, Süße, weilst du heut?
Nur Schmetterlinge flattern
Durch diese Einsamkeit.

Doch wie in bunter Fülle
Hier deine Beete stehn!
Und mit den Blumendüften
Die Weste mich umwehn!

Ich fühle dich mir nahe,
Die Einsamkeit belebt;
Wie über seinen Welten
Der Unsichtbare schwebt.

Ludwig Uhland

 

 

 

Zur Dämmerstunde war's

Zur Dämmerstunde war's,
Zur schlimmen Zeit –
Und deine Rosen dufteten im Zimmer,
Ins Fenster brach der letzte Abendschimmer –
Und meine Sehnsucht ging so weit.

Ich suchte dich –
Wie dufteten die Rosen!
Und lechzend barg ich mein Gesicht hinein
Und sog die süßen, süßen Düfte ein –
Wie fühlt' ich deine Wünsche mich umkosen!

O kämst du jetzt,
Wie würde ich dich lieben!…
Ich ging und sperrte weit mein Fenster auf –
O Lust! da kamst die Straße du herauf,
Von gleicher Sehnsucht zu mir hergetrieben.

Und wie im Traum blieb ich am Fenster stehn
Und nickte stumm – Du stürmtest in das Haus,
Breitetest schweigend deine Arme aus – –
Es mußte sein – so ist es denn geschehn!

Thekla Lingen

 

 

Wenn der Goldregen blüht, wenn die Nächte so heiß,
daß ich rastlos mich nicht zu fassen weiß
in der atemberaubenden Schwüle –
sag, weißt du, was ich dann fühle? –

Wenn die Wogen von süßem, berauschenden Duft
mein Zimmer erfüllen, und heiße Luft
mich umflutet, willst du es wissen?
Dann wein ich in meine Kissen.

Wenn der Vollmond hell leuchtend am Himmel steht,
der Pendelschlag langsam, so langsam geht,
ohne kärglichstes Glück mir zu bringen,
dann gilts ein verzweifeltes Ringen.

Ein Ringen der sehnenden Jugendkraft,
ein Ringen begehrender Leidenschaft,
ein Ringen der Glieder, der jungen,
mit toten Erinnerungen.

Else Galen-Gube

 

 

 

Der Unbekannten

Müd' und traurig macht das Wandern,
Morgen so wie heut allein!
Rasten wollt' ich wie die andern,
Aber ach, es kann nicht sein!
Denn in stillen Winternächten
Hört ich bang und dennoch froh:
Lippen, die dich küssen möchten,
Warten deiner irgendwo!

Seit der Stunde, die es sagte,
Ach, verwirrt ist mein Gefühl!
Und die Sehnsucht, die es klagte,
Ward mein neues Reiseziel.
Wie ein Schwan die Flügel dehnend
Dem Genossen sich gesellt,
Drängt mein Sehnen, dich ersehnend,
Dich nur suchend durch die Welt!

Ach, wo werde ich dich finden,
Die mein Sehnen sucht und preist!?
Weggefährtin meiner Sünden,      
Fluggefährtin meinem Geist!
Das nur sättigt mein Begehren,
Das noch nie gesättigt ist,
Kann ich auch die Göttin ehren
In der Dirne, die mich küßt! –

Georg Busse-Palma

 

 

 

Gewitter

Die Tanne stöhnt und ächzt im Sturm,
Die starken Äste krachen,
Der Regen strömt, unheimlich schallt
Der Schrei der Eule durch den Wald
Wie wildes, schrilles Lachen.

Die Wolken ziehen grau und schwer,
Die grellen Blitze flammen,
Der Donner kracht, – dumpf rollt es nach –
Als bräche jäh beim nächsten Schlag
Die ganze Welt zusammen!

Doch wilder ist als Sturm und Wind
Mein sehnendes Verlangen!
Jäh, wie der Blitz die Nacht zerreißt,
Erscheint mein Glück vor meinem Geist,
Das gar zu schnell vergangen.

Und wenn der Wetterstrahl erlischt,
Scheint tiefer noch das Düster. –
Dein Nachglanz, Du verlor'nes Glück,
Enthüllt die Zukunft meinem Blick
Nur grauser noch und wüster!

Melanie Ebhardt

 

 

 

Abschiednehmend im fallenden Tag,
Mag sich noch einmal im Gartenraum
Zeigen beim lallenden Vogelschlag
Lila leuchtend der blühende Baum.

Und einer Wolke milchiger Schaum
Überklettert den dämmernden Hag.
Es schmilzt die Sonne am Feldersaum.
Wieder starb heute ein Sehnsuchtstag.

Max Dauthendey
 

 

 

Sehnsucht gab mir ihr weites Kleid

Sehnsucht gab mir ihr weites Kleid,
Seine Naht ist lang wie die Ewigkeit.
Streicht die Sehnsucht um das Haus,
Trocknen die plaudernden Brunnen aus;
Die Tage kommen wie Tiere daher,
Du rufst ihre Namen, sie atmen nur schwer;
Du suchst dich im Spiegel, der Spiegel ist leer,
Hörst nur der Sehnsucht Schritt,
Du selbst bist nicht mehr.

Max Dauthendey

 

 

 

Kein Echo

Es zittert durch die Luft ein Klang
Und hallt im Herzen nach;
Ob eine Aeolsharfe sprang,
Ob wo ein Glöcklein brach?

Hoch um die Alpenhörner fliegt
Ein heller Morgentraum,
Und auf dem See, gleich Schwänen, wiegt
Sich weißer Segen Saum.

O wüßt' ich doch, wie mir zu Muth!
Zerfließen möcht' ich ganz,
Vergehen in der Berge Gluth,
In Abendduft und Glanz!

Die Arme breit' ich sehnend aus
Und rufe rings herum:
Nur eine Hand, ein Herz, ein Haus! –
Vergebens! – Alle stumm!

Franz Freiherr von Dingelstedt

 

 

 

Sehnsüchtelei

In dem Traum siehst du die stillen
Fabelhaften Blumen prangen;
Und mit Sehnsucht und Verlangen
Ihre Düfte dich erfüllen.

Doch von diesen Blumen scheidet
Dich ein Abgrund tief und schaurig,
Und dein Herz wird endlich traurig,
Und es blutet und es leidet.

Wie sie locken, wie sie schimmern!
Ach, wie komm ich da hinüber?
Meister Hämmerling, mein Lieber,
Kannst du mir die Brücke zimmern?

Heinrich Heine

 

 

 

Sehnsucht

Fern und ferner schallt der Reigen.
Wohl mir! um mich her ist Schweigen
Auf der Flur.
Zu dem vollen Herzen nur
Will nicht Ruh' sich neigen.

Horch! die Nacht schwebt durch die Räume.
Ihr Gewand durchrauscht die Bäume
Lispelnd leis'.
Ach, so schweifen liebeheiß
Meine Wünsch' und Träume.

Johann Gustav Bernhard Droysen

 

 

 

Warum?

Warum, wenn mir's am Tag gelang,
Mit dir, mein Lieb, zu kosen,
Träum' ich oft ganze Nächte lang
Von nichts als wilden Rosen?

Und – schau ich wilde Rosen an,
Wo ich am Tage gehe,
Wie kommt es, Mädchen, daß ich dann
Dich nachts im Traume sehe?

Maximilian Bern

 

 

 

Die Glocke des Glücks

Viele Glocken hör' ich läuten,
Nun es Abend werden will –
Eine nur will nimmer klingen,
Eine nur ist ewig still.

Tiefe Glocke meines Glückes:
Einmal noch zur Abendzeit
Singe über meinem Hügel
Jenes Lied voll Seligkeit.

Dem ich meine junge Stirne
Lauschend einst empor gewandt,
Da ich noch auf hellen Wegen
Schritt an meines Liebsten Hand.

Anna Ritter

 

 

 

Da liegst du endlich still vor mir,
Du mein gelobtes Land !
Wie lange stand mein Sinn nach dir,
Wo ich mein Liebstes fand !

Der blaue Himmel ausgespannt
Schaut selig über dich.
Und tausend Stellen wohlbekannt
Wetteifernd grüßen mich.

Die goldnen Stunden kehren all
Dem trunknen Blick zurück.
Vom Baume dort die Nachtigall,
Sie singt von unserm Glück.

Und selig wär' ich ganz und gar
Gingst du mir nur zur Seit!
Die all der Wunder Schöpf'rin war
In jener goldenen Zeit.

O Liebste, fühlst du's nicht? Dir schwillt
Die ganze Seele zu.
Die so viel Liebes nie vergilt
Was Gott mir tat und du.

Blüh' denn mein Paradies um mich!
O selig könnt' ich sein.
Doch fliessen Tränen bitterlich
Denn ach, ich bin allein!

Christian Reinhold Köstlin

 

 

 

An die Nachtigall

Dir flüsterts leise – Nachtigall! dir allein,
Dir, süße Tränenweckerin! sagt es nur
Die Saite. – Stellas wehmutsvoller
Seufzer – er raubte mein Herz – dein Kehlchen –

Es klagte – o! es klagte – wie Stella ists.
Starr sah ich hin beim Seufzer, wie, als dein Lied
Am liebevollsten schlug, am schönsten
Aus der melodischen Kehle strömte.

Dann sah ich auf, sah bebend, ob Stellas Blick
Mir lächle – ach! ich suche dich, Nachtigall!
Und du verbirgst dich. – Wem, o Stella!
Seufztest du? Sangest du mir, du süße?

Doch nein! doch nein! ich will es ja nicht, dein Lied,
Von ferne will ich lauschen – o! singe dann!
Die Seele schläft – und plötzlich schlägt die
Brust mir empor zum erhabnen Lorbeer.

O Stella! sag es! sag es! – ich bebe nicht! –
Es tötete die Wonne, geliebt zu sein,
Den Schwärmer. – Aber tränend will ich
Deinen beglückten Geliebten segnen.

Johann Christian Friedrich Hölderlin

 

 

 

Mein Garten

Schön ist mein Garten mit den goldnen Bäumen,
Den Blättern, die mit Silbersäuseln zittern,
Dem Diamantentau, den Wappengittern,
Dem Klang des Gong, bei dem die Löwen träumen,
Die ehernen, und den Topasmäandern
Und der Volière, wo die Reiher blinken,
Die niemals aus dem Silberbrunnen trinken …
So schön, ich sehn' mich kaum nach jenem andern,
Dem andern Garten, wo ich früher war.
Ich weiß nicht wo … Ich rieche nur den Tau,
Den Tau, der früh an meinen Haaren hing,
Den Duft der Erde weiß ich, feucht und lau,
Wenn ich die weichen Beeren suchen ging …
In jenem Garten, wo ich früher war …

Hugo von Hofmannsthal

 

 


Aus und vorbei

O bittere Not
Und o Weh und o Weh,
Alle Blumen sind tot
Und begraben im Schnee,
Alle Blätter sind fort,
Sind verwelkt und verdorrt,
Wohin und wohin ich auch seh.

Mein Sommer der starb,
Denn o Weh und o Weh,
Mein Lieben verdarb,
Liegt begraben im Schnee,
Ist verwelkt und verdorrt,
Und der Wind trieb es fort,
Wohin und wohin ich auch seh.

Es kommet der Mai,
Doch o Weh und o Weh,
Meine Zeit ist vorbei,
Ist begraben im Schnee,
Ist verwelkt und verdorrt,
Ist verschwunden und fort,
Wohin und wohin ich auch seh.

Hermann Löns

 

 

 

Sehnsucht

Die Nacht ist ruhig und duftig,
Die Luft weht lau und lind;
Unter den Sternenaugen
Such' ich die deinen, mein Kind!

Ich möchte dich sehen und küssen,
Mein Einz'ges, das Alles mir gab,
Ich möchte still bei dir liegen
Im kleinen stillen Grab.

Ada Christen

 

 

 

Frühe Dämmerung

Die letzten müden Liebesworte irren
Wie Abendfalter, die mit schweren Flügen
In Dämmerung und Träumen sich verwirren.

Und trunken niedersinkend ist's, als trügen
Ein zartes Leuchten sie um Deine Wangen
Und Sänftigung zu Deinen Atemzügen.

Ich seh' das Glück an Deinen Lippen hangen
Wie eine Blüte, warmer Nacht entsprungen –
Indes ich dumpf, in namenlosem Bangen,

Dem Gang der Stunden lausche, die verschlungen
Zu dunklen Ketten in das Leere gleiten,
Vom harten Glockenschlag der Nacht umklungen.

Ich hör im Takt ihr endlos gleiches Schreiten
Auf heißem Lager sinnlos aufgerichtet,
Hinhorchend in die nachtbeschwerten Weiten,

Die schon der erste Schein der Frühe lichtet.

Prof. Dr. Ernst Maria Richard Stadler

 

 

 


Eigene Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!